Thieme zum Anfassen

Ansturm auf Verlagshaus bei der „Langen Nacht der Museen“

Kunst zum Anfassen: Ein Mädchen erfühlt das „Nagelbild silber“ von Günther Uecker. Daneben das rote „Rauchbild“ von Otto Piene. Alle Fotos: feuerbach.deEine Verlagsangestellte führte die zahlreich erschienenen Besucher und erzählte in einer recht kurzen Führung kleine Anekdoten zu den Bildern, wie hier zur „Grauen Fläche“ von Ulrich Erben, die von den Angestellten „strafversetzt“ wurde.Die engen Gänge sind mit der hochwertigen Kunstsammlung dekoriert......darunter ein Bild des Künstlers Raymond Hains.Auch Zeichnungen sind Teil der Sammlung - so wie hier, passend zum Verlag, Werke mit medizinischen Motiven der Expressionisten M. Beckmann, U. Heckel, sowie des berühmten Otto Dix (vorne), dessen Werke man in der Not der Nachkriegszeit teilweise im Tausch gegen ein Laib Brot erstehen konnte.„Portable radio and tape recorder“ und „Television“ von Michele de Lucchi4 x „Piccadilly Circus“ von Dieter Roth Julio Rondo: „R.H. (Sportsversion)“Vor den Bildern sind teilweise zur Sicherheit Absperrungen aufgestellt, wie hier vor dem Bild „Boulmalne“ von Rupprecht Geiger......oder vor „Research“ von Frank Ahlgrimm.Als Kunstwerk ausgestellt auch ein Modell des Verlagshauses.In verschiedenen Ausstellungsräumen wurde Einblick in Themenfelder des Verlags gegeben, sowie die Verlagsarbeit selbst thematisiert, wie hier, wo dargestellt wurde, wie Verlagsarbeit heute......und Anno Dazumal ausgesehen hat.Im Partyzelt vor dem Verlagshaus spielte eine eigens für dieses Event ins Leben gerufene Coverband beliebte Hits und sorgte für beste Stimmung.Alle Fotos: feuerbach.de

Nicht nur Mediziner kennen die blau-weißen Bücher bestens, auch für „Otto Normal“ veröffentlicht der in Feuerbach ansässige Georg-Thieme-Verlag informative Sachbücher und Ratgeber zu allerlei gesundheitlichen Themen. Dass der in ganz Deutschland bekannte Verlag aber auch eine sehr bedeutende Kunstsammlung beherbergt, wussten bisher nur wenige. Dies dürfte sich nun seit dem 09. April geändert haben.

Zum ersten Mal hat der Thieme-Verlag am vergangenen Samstag, den 09. April, zum Tag der offenen Tür, und vor Allem zur Stuttgarter „Langen Nacht der Museen“ seine Pforten einem breiten Publikum geöffnet. Dabei kamen Gäste zweier völlig unterschiedlicher Interessensgebiete voll auf ihre Kosten: Massen an medizinisch- sowie Kunstinteressierten  Besuchern überrannten  das Verlagsgebäude fast und verstopften die engen Flure regelrecht. Die Verlagsangestellten waren teilweise überfordert: „So einen Ansturm haben wir nicht erwartet“, so eine Verlagsangestellte, die kurzerhand zur Kunstführerin ernannt wurde und den Besuchern mehr über Beziehung und Umgang der Angestellten als über die Werke selbst erzählen konnte. So bekamen die Besucher mehr amüsante Anekdoten aus dem Alltag zu hören als trockene Kunsttheorie. Auch mal eine sympathische Abwechslung - schließlich kann man alles Wissenswerte heutzutage selber mit einem Mausklick schnell herausfinden.

Es wurde beispielsweise beschrieben, wie ein großes Bild mit grauen Flächen des Künstlers Ulrich Erben quasi von einer anderen Stelle in einen engen Flur „strafversetzt“ wurde, weil es den Angestellten und Mitarbeitern des Verlags beim Kafeemachen (es stand vor der Kaffeemaschine) nicht weiter den Tag „vergrauen“ sollte. Die Verlegerfamilie hat daraufhin eine offene Debatte angefangen, um dieses Thema im Einvernehmen mit der Belegschaft zu klären – woraufhin eine Verlegung des Bildes beschlossen wurde.

Erzählt wurde natürlich auch, wie die Sammlung zustande kam. So hat der Thieme-Verleger Günter Hauff in der Nachkriegszeit angefangen, Kunstwerke aus purer Liebhaberei  zu ersteigern, ohne jeden Hintergedanken oder dem Vorhaben, eine Sammlung aufzubauen. Dass er gerade zu dieser Zeit wohl nichts Besseres hat machen können, kann man u.a. an der Tatsache erkennen, dass die Sammlung Werke weltberühmter Künstler wie Otto Dix beinhaltet. Die Werke des kurz nach dem Krieg ausgehungerten und im Fast-Exil auf der Höri-Halbinsel am Bodensee nahe der Schweizer Grenze lebenden großen Deutschen Künstlers waren in dieser Zeit zu Spottpreisen erhältlich, teilweise sogar als Tauschware.

Viel Spaß beim virtuellen Rundgang durch die Kunstausstellung im Thieme-Verlag in unserer Galerie (siehe oben).

11.04.2011 Kategorie(n): Gesellschaft, Gesundheit, Kultur