„Die Wette“ ist gerettet

Bürgerschaftliches Engagement sichert ein Stück Feuerbacher Identität

„Die Wette“: Die Vorlage für das Wandbild von 1949 war eine Fotografie aus der Zeit um 1890. Die „Wette“ war der Lösch-Teich von Feuerbach und diente als Pferdeschwemme zum Tränken des Viehs. Sie befand sich an der Ecke Mühlstraße, Bachstraße - heute Mühlstraße, Dieterlestraße. Rechts ist noch das Stellwehr zu erkennen. Über die abgebildeten Personen, insbesondere dem Mädchen in der Mitte, sind interessante Informationen über Leben und Schicksal erhalten geblieben. Foto: E. Thieme

Nach einem Jahr intensivem Engagements (wir berichteten) hat der Verein zur Rettung der Wandbilder im Schoch-Areal e.V. es nun geschafft, alle Wandbilder aus der Kantine des ehemaligen Schoch-Areals zu sichern. „Die Wette“ ist bereits vollständig restauriert, die anderen Bilder sind zwischengelagert und warten noch auf ihre Restaurierung.

Der Verein hat mit Unterstützung von Bürgern und Firmen ein erstes Ziel erreicht - rechtzeitig vor dem Abriss der ehemaligen Kantine im Schoch-Areal im Frühjahr 2015 konnten die Wandmalereien abgenommen werden – sie gehören jetzt dem Verein. Das 1,59 x 1,59 m grosse Wandbild „Die Wette“ hat seinen neuen Platz im Kreativzentrum IMWERK8 gefunden. In der Siemensstraße 136 – 140 in Feuerbach, unweit des Schoch-Areals, in der ehemaligen Behr-Produktionsstätte, entwickelt sich ein Kunst- und Kulturzentrum. Dort könnten auch das deutlich grössere zweite Wandbild „Weinbaugemeinde“ und die beiden Sprüche angebracht werden. Das Schicksal der „Weinbaugemeinde“ mit den beeindruckenden Maßen 5,59 m x 1,59 m und der beiden ebenfalls gesicherten Sinnsprüche ist noch nicht entschieden. Wie „Die Wette“ sind auch diese Wandmalereien 1949 als innenarchitektonisches Stilmittel zur Wandgestaltung in Seccomalerei angebracht worden. Nach ihrer Abnahme durch das Tübinger Restauratoren-Team um Frau Dr. Julia Feldtkeller warten die Bilder auf ihre Restaurirrung. Die dafür notwendigen Geldmittel konnte der Verein noch nicht aufbringen und benötigt hierzu weiterhin Unterstützung durch Mitglieder und Spenden.

Wie die Untere Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt Stuttgart empfohlen hat, werden die Wandbilder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nach der Komplettrestaurierung soll das Arrangement der Wandmalereien eine Erinnerung des industriellen Aufbruchs der Nachkriegszeit Feuerbachs sein.

„Gerade aktuell verliert Stuttgart viel an historischer Substanz. Wir wollen mit dem Erhalt der Wandmalereien unseren Anteil dazu beitragen, dass in Feuerbach historisch wichtige Zeugnisse erhalten bleiben. Mit den Wandmalereien verbindet sich ein Teil der Industriegeschichte Feuerbachs. Chemiefirmen wie BASF, Metallveredelungs-Betriebe wie Schoch, lederverarbeitende Industrie wie Roser, metallverarbeitende Firmen wie Behr und Bosch brachten Arbeitsplätze und Reichtum nach Feuerbach, aber auch Belastungen. Die Firma Schoch ist dafür ein Beispiel: Ein weltbekannter Betrieb, der in der Nachkriegszeit auf Kunst in der Kantine Wert legt, aber auch auf Jahrzehnte hinaus Grundwasser und Boden verseucht hat. Umso wichtiger ist es für uns, dass für die Jugend und für neue Mitbürger die Erinnerung an Feuerbach als Dorfgemeinde und als großer industrieller Fertigungsstandort erhalten bleibt. Die Wandmalereien mit ihrer Entstehungsgeschichte legen darüber Zeugnis ab.“, so Elke Thieme, die Vorsitzende des Vereins.



INFO: Wie wurden die Wandmalereien abgenommen?
Die gesamte Bildoberfläche wird mit zwei Schichten aus Baumwollstoff, die mit einer wasserlöslichen Kleber-Rezeptur (Coletta) getränkt sind, abgeklebt. Nach der Trocknung dieser Sicherungsschicht wird die Bildrückseite mit entsprechendem Werkzeug von der Wandputzschicht gelöst und abgenommen. Bei der Restaurierung wird die getrocknete Sicherungsschicht wieder angefeuchtet und kann dann vorsichtig entfernt werden. Dieses Abnahmeverfahren für Wandmalereien wurde in Italien entwickelt.



Abbildungen:
Abb 1.: Zwei Restauratoren und eine Leiter.
Abb 2.: Der Gedichtsvers und sein ursprünglicher Platz an der Wand.
Abb 3.: Weinbaugemeinde: In der Werkstatt wird die Schutzschicht, mit der die Bilder abgenommen wurden, wieder entfernt.
Fotos: E. Thieme
20.05.2015 Kategorie(n): Gesellschaft, Kultur, Soziales