Der soziale Abstieg ist nur einen Schritt entfernt

Bei einem Aktionstag erlebten Konfirmanden Orte der Nächstenhilfe und beim Gottesdienst in der Stadtkirche ging es um Obdachlosigkeit

Drei der Konfirmanden, die am Samstag auf Entdeckungstour gingen: Tom Schmid, Maja Eidenmüller und Miryam Zweigle. Foto: S. Müller-Baji

Es war schon ein Mammutprogramm, das die Feuerbacher Konfirmanden am Samstag absolvierten: Von der Bahnhofsmission bis zur Stuttgarter Vesperkirche lernten sie unmittelbar Orte der gelebten Nächstenliebe kennen.

Und am Sonntag ging es dann beim Gottesdienst um das Thema Obdachlosigkeit. Pfarrer Harald Küstermann sprach dabei von einem “Schock”, dem die jungen Leute am Tag zuvor ausgesetzt gewesen seien: “Der Erkenntnis, dass Leben schiefgehen können, das Menschen abstürzen können.” Und auch für die meisten Erwachsenen dürfte es eine durchaus fremde Welt gewesen sein, um die es dabei ging. Doch sie ist nur einen Schritt entfernt.

Vom Roter Männerwohnheim Immanuel-Grözinger-Haus war der Leiter Axel Glühmann in die Stadtkirche gekommen und erläuterte, wie schnell es gehen kann mit dem sozialen Abstieg und dass keiner dagegen gefeit sei: “Man hält das für eine typische Unterschichtsproblematik, aber wir hatten auch schon Akademiker und Doctores.” Auslöser sei meist eine persönliche, gesundheitliche oder berufliche Krise. Kommen “Problemlöser” wie Alkohol oder andere Suchtmittel dazu, gerät schnell eine Abwärtsspirale in Gang, an deren Ende die Obdachlosigkeit stehen kann. 

144 Männer finden dem Männerwohnheim der Evangelischen Gesellschaft eine Obdach, insgesamt gelten in Stuttgart zirka 5000 Menschen als wohnsitzlos oder in prekären Verhältnissen lebend, berichtete Glühmann der Pfarrerin Gerda Müller während des Gottesdienstes. Frauen würden es dabei länger schaffen, nach außen hin den Schein zu wahren; manche prostituierten sich sogar für ein Dach über dem Kopf. Und man kam auch auf die Notunterkünfte und auf den Kältebus zu sprechen, die in den zurückliegenden, eiskalten Nächten unter Umständen lebensrettend für die Obdachlosen waren.

Axel Glühmann wird beim Gottesdienst von Pfarrerin Gerda Müller interviewtGerda Müller erzählte von einer Kirchengemeinde, die kurzerhand einen Kleiderständer vor die Tür gestellt hatte, auf dem die Bürger nicht mehr benötigte Winterkleidung für die Obdachlosen hinterlassen konnten: “Wäre das nicht auch etwas für uns hier in Feuerbach?” Und das Team um Pfarrer Hartmut Zweigle hatte weitere Gäste eingeladen, die zeigten, wie jeder einzelne helfen kann: So gab es nach dem Gottesdienst die Straßenzeitung Trottwar zu erwerben und es wurden Lavendelsäckchen zugunsten von Schlupfwinkel verkauft – einer Initiative, die Kindern und Jugendliche hilft, die auf der Straße leben. 

Jugendreferent Rüdiger Englert präsentierte außerdem fotografische Impressionen des Aktionstages. Dabei hatten die Jugendlichen neben dem Immanuel-Grözinger-Haus auch eine Wohngruppe des Behindertenzentrums (bhz) am Feuerbacher Pfostenwäldle besucht. Und weitere Stationen, wie einen CAP-Markt, die Bahnhofsmission oder die Vesperkirche im Leonhardsviertel. “Anstrengend” sei es gewesen, berichteten Miryam Zweigle, Maja Eidenmüller und Tom Schmid. Und speziell die Umgebung um die Leonhardskirche hatten die Jugendlichen “als ziemlich verratzt” erlebt: “Sexshops, Casinos, und wir haben sogar Spritzen auf der Straße gesehen”. 

Die Teilnehmer einer anderen Konfirmandengruppe hätte das so bedrückt, dass in der Vesperkirche nicht dazusetzen und nichts essen wollten, erzählen sie noch. Es habe aber auch sehr schöne Begegnungen gegeben: “Da waren immer auch Leute, die sehr nett waren”. War der Tag für die jungen Leute eher eine Konfis-Pflichtveranstaltung oder eine richtig gute Aktion? “Es war gut”, sagt Tom Schmid: “Und wenn man heimkommt, dann sieht man seinen Lebensstandard mit anderen Augen.”  

Von Susanne Müller-Baji
02.02.2017 Kategorie(n): Gesellschaft, Soziales