Bahnhotel

Stuttgarter Straße 3

Bild 1 von 8: Bahnhotel 1895 (Bild: Archiv Rieker)Bild 2 von 8: Bahnhotel um 1900 (Bild: Archiv Rieker)Bild 3 von 8: Bahnhotel an der unteren Stuttgarter Straße um 1900 (Bild: Archiv Rieker)Bild 4 von 8: Bahnhotel um 1900 (Bild: Archiv Rieker)Bild 5 von 8: Das Personal des Bahnhotels mit Jakob und Albert Baitinger als Gästen (Bild: Archiv Rieker)Bild 6 von 8: Mittwochsgesellschaft bei einer Werksbesichtigung (Bild: Archiv Rieker)Bild 7 von 8: Fasching 1899 der Mittwochsgesellschaft (Bild: Archiv Rieker)Bild 8 von 8: Kindertagesstätte 2011 (Bild: Arendt)

Unweit des Feuerbacher Bahnhofs errichtete der Restaurateur und Geheimrat Karl Haffner in den Jahren 1894/95 das Bahnhotel, da sich die Besucherfrequenz nach Feuerbach durch die wachsende Industrialisierung erheblich gesteigert hatte (Bilder 1-5).
Zwei Gruppierungen haben dem Bahnhotel in den ersten rund 40 Jahren ein Gesicht gegeben: von 1895 bis 1916 die Mittwochsgesellschaft und von 1917 bis 1935 der Verein für Wohlfahrtspflege.
Auf Anregung des auch als Wirt des renommierten Gasthauses HIRSCH bekannten Haffner wurde am 18.November 1859 die sogenannte Mittwochsgesellschaft (Bild 6) gegründet, welche sich der „Pflege der Geselligkeit und der Erhaltung des Brauchtums“ verpflichtet hatte. „Mehrere der neu hinzugezogenen Fabrikanten und Direktoren, aber auch Techniker und kaufmännische Angestellte nahmen zur Mittwochsgesellschaft Kontakt auf, um Berührung mit der Feuerbacher Bevölkerung zu bekommen.“ Die Mitglieder kamen aus dem gehobenen Bürgertum, aus Honoratioren wie  Lehrer, Pfarrer, Gemeindevertreter und Unternehmer, welche sich „im Zeitalter der zunehmenden Bildung und der aufkommenden Industrie“ insbesondere mit den lokalen Problemen befassten und viele Anregungen für die weitere Entwicklung Feuerbachs erarbeiteten und der Gemeindeverwaltung zur Umsetzung vorlegten. Die meisten Mitglieder der Mittwochsgesellschaft gehörten zugleich auch dem angesehenen Gewerbeverein an. Aus diesem zweitältesten Verein Feuerbachs kam u.a. auch der Entschluss, eine „Feuerbacher Zeitung“ herauszugeben. Gotthilf Kleemann nannte diesen Verein den „genius loci“.
Der große Saal im Bahnhotel wurde bis 1916 zum Treffpunkt und Vereinslokal der Mittwochsgesellschaft, Feste wurden gefeiert, Maskenbälle (Bild 7) organisiert. Bei einem Festbankett hielt auch Stadtschultheiß Wilhelm Geiger vor 220 Leuten eine Rede.
Die segensreiche Aktivität dieses Vereins fand jedoch mit der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 ihr Ende.

Im April 1913 veranstaltete die aus 222 Mitgliedern bestehende Ortsgruppe des Goethebundes „einen gut besuchten heiteren Unterhaltungsabend im Saal des Bahnhotels. Oberreallehrer Eugen Geiger brachte durch den Vortrag eigener Dichtungen in feinsinniger Weise den Lokalton zur Geltung.“

Im Oktober 1916 erwarb die Stadt Feuerbach dieses Gebäude vom Hotelier Haffner, um es einer anderen sozialen Nutzung zuzuführen.
Denn ein gutes halbes Jahr später, am 31. Mai 1917, wurde im Sitzungssaal des Feuerbacher Rathauses „zur Linderung der Not“ der „Verein für Wohlfahrtspflege“ gegründet, welcher eine Volksküche und Massenspeiseanstalt für Bedürftige (und auch für französische Gefangene) in dem ehemaligen Bahnhotel untergebracht hat. Die Chronik berichtet dazu weiter: „Neben dem Hilfsverein wirkten u.a. auch das Rote Kreuz und der Tuberkuloseverein mit. Doch ging im Laufe des Jahres 1917 die Führung auf den im Vorjahr beschlossenen und in diesem Frühjahr endgültig gegründeten Wohlfahrtspflegeverein Feuerbach über. Durch diesen Verein wurde das Wohlfahrtswesen zentralisiert und in die geeigneten Hände gelegt.

Chronik: „Durch diesen Verein wurde das Wohlfahrtswesen zentralisiert und in die geeigneten Hände gelegt, denn Zweck des Vereins ist Schaffung, Pflege und Unterhaltung von Wohlfahrtseinrichtungen aller Art in der Stadtgemeinde Feuerbach. Womöglich sollen sämtlich in der Stadtgemeinde bestehenden, wohltätigen Vereine in die neue Vereinigung aufgenommen werden.“ Gegen diesen von Spenden getragenen und in Württemberg einzigartigen Verein leistete Stadtpfarrer Kallee mit Unterstützung des Fabrikanten Hauff zunächst großen Widerstand, da ihm wohl Einfluss bei den sozialen Belangen der Bevölkerung verloren ging. Erst später nannte er „als das Hervorragendste“ den Wohlfahrtsverein, der die früheren Vereine für Krankenpflege und Kinderschulen „aufgesogen“ hatte.
Im Jahre 1922 war in diesem Gebäude auch eine Hauswirtschaftsschule untergebracht, und im Jahre1923, einem der Krisenjahre der Weimarer Republik, mutierte das Wohlfahrtsunternehmen zu einer Einrichtung der Jugend-, Gesundheits- und Armenfürsorge sowie für Volksbildung.
Im folgenden Jahrzehnt wurde das Gebäude auch als Schule und Kindergarten genutzt. Das „Adreßbuch 1929“ informierte, dass es hier ein Kinder- und Säuglingsheim, Krippe, Kinderschule sowie einen Kinderhort gab. Nach dem Ersten Weltkrieg war darin auch die Haushaltungsschule untergebracht.
Nach der „Gleichschaltung“ 1933 wurde der Wohlfahrtsverein im Jahre 1935 aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten aufgelöst. Im altehrwürdigen Bahnhotel richtete sich NS-Dienststelle der „Ortsgruppe Burghalden“ ein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ab 1950 in dem Gebäude die Hauswirtschaftsschule eine Bleibe.
Im Jahre 1986 wurde das Bahnhotel für andere Nutzungen geräumt. Nach Renovierung und Umbau dieses Hauses (Bild 8) ist derzeit eine Kindertagesstätte (Ganztageseinrichtung) untergebracht.

Quellen: Feuerbacher Chronik 1916/17, Georg Friedel, Ulrich Gohl,  Reinhard Heinz, Jörg Kurz, Karl Müller, Schwäbische Kronik 21041