Jobst'sche Chinin-Fabrik

Tunnelstraße 6 / Stuttgarter Straße 9

Bild 1 von 8: Jobst’sche Chinin-Fabrik 1865 (Bild: Archiv Rieker)Bild 2 von 8: Jobst’sche Chinin-Fabrik 1880 (Bild: Archiv Rieker)Bild 3 von 8: Tunnel- / Stuttgarter Straße um 1900 (Bild: Archiv Rieker)Bild 4 von 8: Eingang Fabrikgelände Jobst 1906 (Bild: Archiv Rieker)Bild 5 von 8: Links: Ehemaliges Fabrikgelände Jobst 2012 (Bild: Arendt)Bild 6 von 8: Plakette auf die 100-jährige Tätigkeit der Familie Jobst (Bild: Landesmuseum)Bild 7 von 8: Fridrich (von) Jobst 1855 (Bild: Archiv Rieker)Bild 8 von 8: Oswald Hesse (1835-1917)  (Bild: Archiv Rieker)

Wenn über die Industrialisierung Feuerbachs berichtet wird, dann ist es selbstverständlich, das Verdienst der Firma Jobst hervorzuheben, welche mit der Verlegung ihrer Produktion nach Feuerbach dazu einen nachhaltigen Beitrag geleistet hat. Es war die erste Fabrik in dieser Gemeinde, welche Bestand gehabt hatte, ein sichtbarer Wegweiser auch zur Ansiedelung anderer chemischer und metallverarbeitender Industriebetriebe.

Die Geschichte der Firma Jobst begann 1806 mit einem Materialwarenhandel in Stuttgart, welchen der Gründer Fridrich Jobst (1786-1859) bis 1828 betrieb. Bereits zwei Jahre vorher  ergänzte er das Unternehmen mit einem chemisch-pharmazeutischen Produktionsbetrieb, in welchem er das 1820 von Pierre Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou aus der Chinarinde entwickelte Chinin produzierte, es war das im 19. Jahrhundert einzige wirksame Medikament gegen  Fieberkrankheiten und gegen das Sumpf- oder Wechselfieber Malaria. Der wirtschaftliche Erfolg führte zu einem beeindruckenden Wachstum des Unternehmens, welches auch durch den Tod des Unternehmensgründers (Bild 7) fortbestand. Im Jahre 1860 wurde von Julius von Jobst (1839-1920), dem Enkel des Firmengründers, mit Oswald Hesse ein promovierter Chemiker eingestellt, der sich zu einem Fachmann auf dem Gebiet der Chinaalkaloide entwickelte.

In Anbetracht der attraktiven Rahmenbedingungen, in Feuerbach hatte man seit 1846 einen Bahnanschluss sowie ausreichende und günstig zu erwerbende Flächen, entschied sich im Jahre 1863 das Unternehmen, den Materialwarenhandel aufzugeben und die Chinin-Produktion in die Stuttgart-nahe Gemeinde zu verlagern (Bilder 1 – 4). Am 15. April 1864 wurde die Fabrik unter der Leitung des noch nicht 30-jährigen Dr. Oswald Hesse (Bild 8) auf dem Gelände Tunnelstraße 6 / Stuttgarter Straße 9 eröffnet. Es war die erste Fabrik in Feuerbach, die sich zur modernsten Chininfabrik in Deutschland entwickelte.

Die Feuerbächer, vertraut mit Landwirtschaft, Weinbau und Steinbrucharbeiten,  waren zunächst sehr misstrauisch hinsichtlich der neuen Beschäftigungsmöglichkeiten. So mussten in der ersten Zeit für die industrielle Produktion Arbeiter aus Stuttgart und Weilimdorf angeworben werden, bis sich nach und nach auch Einheimische einstellen ließen.

Durch wachsende Konkurrenz wurde das Chinin-Geschäft immer schwieriger, weshalb es im Jahre 1887 zur Fusion mit dem Frankfurter Wettbewerber Zimmer und zur Gründung der Vereinigten Chininfabriken Zimmer & Cie. kam. Julius von Jobst übernahm den Vorstand. Im Jahre 1906 lieferte die Firma 17% der Chinin-Weltproduktion, und obwohl es im Jahre 1914 wegen Rohstoffmangels zu einer vorübergehenden Einstellung der Produktion und Entlassung der Arbeiter kam, entwickelte sich das Unternehmen bis 1920 zum sechstgrößten Chinin-Produzenten der Welt.
Im Jahre 1926 erwarb die Mannheimer Firma C.F. Böhringer & Söhne GmbH das unter den Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges und dem Chinin-Preisverfall beeinträchtigte Unternehmen; und schon ein Jahr später wurde das Werk geschlossen und der Standort der vormaligen Firma Jobst verlassen.

Das Firmengelände (Bild 5) wurde anderen Nutzungen zugeführt, zuletzt hatte hier das Kühlhaus Krempel KG seinen Sitz.
Inzwischen gibt es Pläne, dieses Gelände für Wohnbebauung umzuwidmen.

Der erfolgreiche Feuerbacher Fabrikleiter und Ehrenbürger Oswald Hesse (Bild 8) konnte im Jahre 1910 sein 50-jähriges Berufsjubiläum feiern. Er beschränkte sich nicht nur darauf,  dem Unternehmen seine Arbeitskraft zu leihen, sondern er machte sich um die Gemeinde Feuerbach in vieler Hinsicht verdient. So hat er als Autor der „Geschichte Feuerbachs“ viele historische Fakten zusammengetragen, er war Mitglied des hiesigen Gewerbevereins, wo er in 30 Jahren als Ausschussmitglied, Vorstand und Ehrenvorstand aktiv gewesen ist. Eine ganze Reihe von Auszeichnungen beweisen seine herausragenden Verdienste.
Oswald Hesse starb 1917 in seinem Hause auf dem Feuerbacher Firmengelände.  Er hat seine letzte Ruhestätte auf dem Pragfriedhof in Stuttgart gefunden.


Quellen: J. Hagel, B. Mack, V. Ziegler, G. Kleemann, O. Hesse, WIKIPEDIA, Schwäbisches Bilderblatt 1911

www.bv-feuerbach.de