Lippsche Pianofabrik

Wernerstraße (19)

Bild 1 von 5: Wernerstraße mit Lippschem Bau (Bild 1912: Horst Kurz)Bild 2 von 5: Lippsche Pianofabrik (Grundplan Stadtmessungsamt,  Markierung  G. Sonnabend)Bild 3 von 5: Pianofabrik 1913 (Bild: Bosch-Archiv)Bild 4 von 5: Lippscher Bau 1920 nach Übernahme durch Bosch (Bild: Bosch-Archiv)Bild 5 von 5: Sprengung der Lippschen Gebäude 1985 (Bild: Bosch-Archiv)

Richard Lipp, geb. 1805, gründete im November 1831 zusammen mit zwei Arbeitern eine Werkstatt in der Stuttgarter Hauptstraße. Bereits in den 1840er Jahren war die Belegschaft auf 40 Mitarbeiter angewachsen, die Firma befand sich nun in der Seestraße (Stuttgart). Gefertigt wurde auf über 1800 qm, ver­teilt auf sechs Stockwerke. Bereits zu jener Zeit wurden Pianos von Lipp nach Italien, Russland, England, Schweden, Argenti­ni­en, Südafrika und Australien verschickt.

Walter Niemann, Historiker aus Herford, schreibt über die weitere Entwicklung: "Richard Lipp baute erstmals in den 1860er Jahren kreuzsaitige Pianos. Er änderte klug das Klavierinnenleben und erzielte damit eine deutliche Verbesserung der Klangwirkung. Durch die Neuerungen stieg die Nachfrage so stark, dass die Erstellung eines sechsgeschossigen Gebäu­des in der damaligen Alleenstraße, heute Schillerstraße, not­wendig wurde.
Im Jahre 1866/67 traute sich Lipp zu, den ersten Konzertflügel zu bauen. Diese bahnbrechende Neuheit wurde von den berühmten Pianisten Clara Schumann und Hans von Bülow eingespielt.
König Karl von Württemberg verlieh Richard Lipp die Große Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft.
In der Folgezeit fertigte Lipp etwa 500 Klaviere, 200 Flügel und 100 Tafelklaviere pro Jahr. Die Firma Lipp erhielt auf allen besuchten Weltausstellungen die höchsten Preise. Bis heute ist die Klangqualität aufgrund der kreuzsaitigen Bauweise unübertroffen."

Im Jahr 1873 trat der Sohn des Gründers, Robert Lipp, in die Firma ein, ab diesem Zeitpunkt firmierte die Firma unter dem Namen "Rich. Lipp & Sohn". Die Zusammenarbeit von Vater und Sohn dauerte nicht lange, da der Gründer am 17.
September desselben Jahres starb.
Auf die Ehrung "Königliche Hofpianofabrik" in den 1880er Jahren folgte 1889 ein schwerer Schicksalsschlag: Robert Lipp starb im Alter von 32 Jahren. Danach ging die Firmenleitung an den Schwager, Konsul Paul Beisbarth, über, der nun während der folgenden Jahre die Geschicke des Unternehmens erfolgreich führte.

Im Jahr 1911 wurde das Werk in Feuerbach, Ecke Breite- Wernerstraße entlang der (inzwischen privatisierten) Kalkofenstraße, errichtet (Bilder 1 und 2)
Im Jahr 1913 beschäftigte die Firma bereits 350 Mitarbeiter (Bild 3). So hatte sich das Unternehmen Lipp aus kleinsten Anfängen zur größten Pianofortefabrik in Süddeutschland entwickelt.

Im Jahr 1916 wurde ein Großteil des Feuerbacher Werkes an Robert Bosch vermietet und ein Jahr später komplett verkauft (Bild 4). Die Gebäude mussten 1980 und 1985 Neubauten weichen (Bild 5).
Die Firma Richard Lipp & Sohn kehrte nach Stuttgart zurück.

Durch die Beibehaltung höchster Qualität und Klanggüte konnte Lipp trotz größter Widrigkeiten, wie die  Weltwirtschaftskrisen, zu einem weltbekannten Instrumentenhersteller werden. 1931, im 100. Jubiläumsjahr, hatte die Firma über den ganzen Erdball verteilt ca. 42.000 Produkte ausgeliefert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war dann nichts mehr wie vorher.
Werner Niemann schreibt dazu: "Der Krieg zerstörte die Fabrikanlage. Zwar nahm man 1949 die Produktion wieder auf,
doch besondere Neuerungen waren auf diesem Gebiet des Instrumentenbaus nicht mehr zu finden. Der Zusammenschluss mit der Firma Ahlborn-Orgel (Ditzingen-Heimerdingen), führte zu einem neuen Start. Ein neues Zeitalter von Musikinstrumenten hatte begonnen.

Schon von 1950 an begann man sich auf die Entwicklung und Produktion von elektronischen Tasteninstrumenten zu konzentrieren. 1970 wurde die Firma Rich. Lipp & Sohn von der Ebinger Flügel- und Pianofortefabrik Jehle übernommen. Klaviere wurden noch bis ins Jahr 1972 gefertigt."

Noch heute werden weit über 100 Jahre alte Pianos von Rich. Lipp & Sohn auf der ganzen Welt bespielt und ebenso gehandelt. Der Tenor ist eindeutig, die Erzeugnisse werden "als der Rolls-Royce unter den Klavieren (Pianos)" bezeichnet.

(Text: Gerhard Sonnabend)