Venninger Hof

Mühlstraße 16-18

Bild 1 von 16: Richard Albrecht: Bauernhof Hugo Sigle um 1910 (Bild: Sigle)Bild 2 von 16: Landvermessung 1827: Ehemaliges Herrenhofgelände zwischen Stuttgarter Straße, Untere Querstraße, Dieterlestraße, Walterstraße und Feuerbacher-Tal-Straße. Der rot begrenzte Teil ist der Venninger Hof. (Karte: Staatsarchiv Ludwigsburg)Bild 3 von 16: Mittelalterlicher Besitz in Feuerbach (Diagramm 2013: Arendt)Bild 4 von 16: Plan Juli 1876 (Bild: Stadtarchiv)Bild 5 von 16: Wohnhausplan 1876 (Bild: Stadtarchiv)Bild 6 von 16: Plan vom Februar 1888, genehmigt April 1900 (Bild: Stadtarchiv)Bild 7 von 16: Wohnhaus Venninger Hof (Bild: Sigle)Bild 8 von 16: Festwagen der Landwirtschaft bei der Stadtfeier am 1.9.1907 auf dem Sigle-Hof (Bild: Kleemann)Bild 9 von 16: Wohnhaus im Jahre 1933 (15. Turnfest) geschmückt mit dem Emblem DT (Deutsche Turnerschaft). (Bild: Archiv Rieker)Bild 10 von 16: Mühlstraße mit dem Sigle-Hof rechts anno 1955 (Bild: Archiv Rieker)Bild 11 von 16: Blick auf das Wohnhaus Mühlstraße 18, der Kornboden befindet sich im Abriss (Bild 1966: Archiv Rieker)Bild 12 von 16: Plan Lagerschuppenerrichtung Juni 1947 (Bild: Stadtarchiv)Bild 13 von 16: Plan März 1966 zum Abbruch der gelb gekennzeichenten Gebäude und Errichtung des rot gekennzeichneten Gebäudes (Bild: Stadtarchiv)Bild 14 von 16: Ehemaliger Venninger Hof, Mühlstraße 16-18 (Bild 2013: Arendt)Bild 15 von 16: Sigle-Wengert am Lemberg (Bild 2013: Arendt)Bild 16 von 16: Innenausmalung des Wengerterhäusles, welches in dem von Hugo Sigle 1910 erworbenen Weinberg steht (Bild 2013: Arendt)

Die Mühlstraße hieß bis 1897 Obere Zwerchgasse, ab 1568 nannte man sie Bronnengasse, ein Name, der sich vermutlich auf den Kirchbrunnen bezieht.
Die erstmals im Jahre 1247 in den Quellen erwähnten Frauenberger (seit Mitte des 13.Jahrhunderts mit Sitz auf der Burg Frauenberg in Feuerbach), welche seit dieser Zeit den ortseingesessenen Adel bildeten, besaßen Liegenschaften sowohl in Feuerbach als auch in Botnang und Ditzingen. Durch Verarmung und Eheschließungen reduzierte sich ihr Besitz im Verlauf der Jahrzehnte. So gehörte im Jahre 1401 die eine Hälfte der nicht vom Stift Sindelfingen eingenommenen Fläche Feuerbachs dem württembergischen Grafen Eberhard III. (dem „Milden“), die andere Hälfte den Herren von Winterstetten und von Venningen, beide hatten 104 Morgen Ackerland. Der überbaute Ortsteil wurde im Mittelalter „Etter“ bezeichnet, der mit dem sog., noch 1496 in Feuerbach bezeugten Etterzaun umgeben war.

Graf Ulrich von Württemberg schloss im Jahre 1469 mit Eucharius von Venningen einen Vertrag, der ihn neben dem Schenken von Winterstetten und den Herren von Hausenstein als Vogtherren von Feuerbach bestätigt.
Eucharius von Venningen gab im Jahre 1478 dem Baderhans, „genannt Ferlinshut“, die Badstube (am unteren Ende des Bärenstäffele) zum Erblehen.
Es wird davon berichtet, dass sich im Jahre 1478 die Dorfherren Schenk von Winterstetten und Eucharius von Venningen beim Grafen Eberhard V. („im Bart“) von Württemberg darüber beschwerten, dass „….die Buern ein Cappel uffgemacht haben ohne unser Wissen“. Der Standort dieser Kapelle ist nicht mehr bekannt.
 
Der noch verbliebene Besitz der Frauenberger Erben (u.a. Eucharius von Venningen, Schenk von Winterstetten, Machtolf von Gültstein) einschließlich aller “Rechte und Zugehörden“  ging gemäß der Übereinkunft vom 20.Oktober 1481 an das Haus Württemberg über (Bilder 2 und 3). Die Regelungen für den Ort wurden anno 1494 im Feuerbacher Weistum festgeschrieben.
Die Württemberger Landesherrschaft setzte eine Reihe von Hofmeiern, selten aus der Feuerbacher Bevölkerung, in die ehemaligen Frauenberger Teilhöfe ein, die noch lange den Namen ihrer ehemaligen Besitzer weiterführten. Die herrschaftlichen Höfe wurden in Erbpacht verliehen, weshalb jeder Pächter sein Äußerstes gab, um den Hof seinen Nachkommen in bestem Zustand zu hinterlassen. 
Die Zehntscheuer (in der Unteren Querstraße 10 B), „die größer und höher war als die anderen Feuerbacher Scheuern“, wurde vorher vom Kloster Bebenhausen bzw. von der Kirchenverwaltung genutzt. Sie diente ab 1481 als herrschaftliche Zehntscheuer der Württemberger, worin Naturalabgaben aller Art der Lehnshöfe bis zur weiteren Verwendung gesammelt wurden. Die Lehnshöfe hatten noch bis zum Jahr 1852 neben Fronverpflichtungen die Fruchtgülten Roggen und Hafer an die Landesherrschaft zu liefern.
Im Jahre 1889 brannte die Zehntscheuer bis auf die Grundmauern ab.
 
Als erste Hofmeier des Venninger Hofs, dessen Besitz 1482  mit zwei Häusern, einer Scheuer und Hofseite sowie 113,5 Morgen Feld und 12 Morgen Wald beschrieben wurde, sind folgende Personen bekannt: Scheller (1451), Hans Äckerlin aus Cannstatt (1482), Xander Viesenhäuser (1494), Ulrich Ruff (1524) und später alt Hans Hermann und alt Ulrich Schauff. Aufgrund steigender Einwohnerzahlen musste die „Ernährungs- und Beschäftigungslage“ angepasst werden, weshalb ein Gut/Hof von mehreren Teilhabern bewirtschaftet oder geteilt wurde. So bewirtschafteten später Melchior Widmann, die Brüdern Georg, Caspar und Michel Hermann, Hans Haas, Hans Zweygle und Hans Haab den Venninger Hof.

Bis in das Jahr 1574 (zur Zeit Herzog Ludwigs von Württemberg) gehörten zum Besitz des Venninger Hofs 104 und 9 ½ Morgen, das entspricht knapp 4 Huben.
Der Gültsteiner Hof (Mohrenhof) und der Venninger Hof sollen früher einmal zusammengehört haben, was durch die örtliche Nähe erklärt werden kann.
Die Anlage des Venninger Hofes folgte im Prinzip dem „Standard“ der Alamannen, welche Wohnbau, Scheuer, Speicher und Vorratsraum als Einzelbauten um einen Hof herum anlegten.

Im Jahre 1742 gab es nur noch vier Lehnshöfe: der Viesenhäuser Hof eigentlich Venninger Hof, benannt nach dem 1494 verantwortlichen Hofmeier Xander Viesenhäuser, Xanders Spitalhof (ehemaliger Hof von Winterstetten), der stiftische Hof (vermutlich der Gültsteiner Hof) und der Bebenhäuser Hof. Der Viesenhäuser Hof gehörte 1742 Hans und Michel Hermann (vermutlich Nachkommen der Hofmeier Caspar und Michel Hermann – nach 1572). Er bestand 1742 aus zwei Häusern, einer Scheuer und einer Hofraite an einander zwischen der Mühlgasse und Hans Durtenbachs Hofraite. Dazu gehörten 113,5 Morgen Feld und 16 Morgen Wald.
„Eine Hofreite oder Hofraite ist der von den Gebäuden eines Gutshofs umschlossene Hofraum. Mittlerweile wird unter diesem Begriff auch ein alter Gutshof mit Nebengebäuden verstanden. In Hessen wird umgangssprachlich unter einer Hofreite ein landwirtschaftliches Anwesen (Bauernhof, Gehöft) innerhalb eines Orts in geschlossener Bauweise verstanden.“

Alle vier Lehnshöfe, die seit einiger Zeit nicht mehr zur Haltung von Fasel- oder Zuchtvieh verpflichtet waren, sind später an private Eigentümer übergegangen, d.h., der Venninger Hof ging zwischen 1742 und 1841 von den Besitzern Hermann auf den Besitzer Zimmermann über.
Im Jahre 1841 gehörte der Hof Mühlstraße 16-18 der Witwe Katharine Zimmermann geb. Leibrand, die in diesem Jahr vom Kornwestheimer Carl Friedrich Sigle (1814-1871) geheiratet wurde. Aufgrund ihrer zweiten Ehe mit Carl Friedrich trug dieser Feuerbacher Hof nun den Namen der Familie Sigle. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor: Carl Friedrich (1843-1903), der 1871 die Ehe mit Wilhelmine Koch einging, und Gustav (1846-1903), der „Honig-Sigle“, der sich mit Bienenzucht einen Namen machte. Zeitweise hatte er bis zu 180 Bienenvölker.

Während der Regierungszeit König Wilhelms I. von Württemberg war im Jahr 1853 in einem „Rechtsstreit wegen Gültrückständen“ neben dem Hirsch-Wirt Carl Haffner und dem Müller A. Gerlach auch Carl Friedrich Sigle „als Träger mehrerer Gülthöfe, vormaliger Erblehen“ verwickelt.

Welche Bedeutung der Sigle-Hof innerhalb Feuerbachs inzwischen erlangte hatte, ist daran zu erkennen, dass seit Ende des 19.Jahrhunderts die Familie Sigle auch die Äcker des Widumhofes bewirtschaftete, womit die bisher den Widummaiern auferlegte Last der Faselviehhaltung in die Verantwortung des Sigle-Hofes überging.
Im Jahre 1899 übernahm „Ökonom Karl Sigle zu seiner Hälfte auch die Hälfte des Ökonoms Jakob Haffner“ zur Verpflichtung der Farrenhaltung. Er verlangete dafür neben dem „Genuss des Ertrags der Farrengüter eine Entschädigung von 185 Mark.“ Die Gemeinde Feuerbach vergab dann im Jahre 1901 die Faselviehhaltung auf weitere 6 Jahre an den „bisherigen Farrenhalter Sigle in der Mühlstraße“.  Auf Antrag „des Ökonoms Hugo-Karl Sigle (1877-1947) erhöhte die Stadt im Jahre 1907 die Vergütung für dessen Farrenhaltung von 850 auf 1.000 Mark, worin der Nutzungswert der Weiden mit 260 Mark eingeschlossen war“.
„Als Faselvieh bezeichnete man noch um 1800 das zur Zucht bestimmte Vieh, im Unterschied zum Mastvieh. Gemeindeverordnungen verpflichteten Haushaltungen zur Haltung des Faselviehs.“
Ein Farre ist ein zuchtreifer Stier, häufig mit Faselvieh gleichgesetzt.

Hugo-Karl Sigle erstand im Jahre 1910 einen Weinberg am Lemberg im Gewann Pfullinger. Im Wengert befinden sich zwei Häuschen (Bild 15), das eine davon ist mit einem sehenswerten Fresko versehen (Bild 16), gemalt vom Sigle-Freund Malermeister Mössner.

Der Hof unterlag im 19. und 20.Jahrhundert verschiedenen Veränderungen. So wurde 1876 das Wohnhaus (Bilder 1 sowie 4 bis 11) neu erbaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Stallhaus  durch einen Fliegerangriff zerstört und 1954 als Lagerhaus mit einem Aufzug wieder aufgebaut (Bild 12).
Die im Sigle-Hof traditionelle Landwirtschaft wurde mit Ausnahme von Obst- und Weinbau Mitte der 1950er Jahre eingestellt.

Im März 1966 stellte die Familie Sigle einen  Antrag zum Abbruch einiger Gebäude und Errichtung eines neuen Mehrfamilien-Hauses (Bild 13), welches 1968 bezugsfertig erstellt war (Bild 14).
Die mit einer Informationstafel ausgestattete Immobilie Mühlstraße 16-18 gehört heute (2013) der GbR Sigle (Liselotte Sigle, Karl-Hugo,Hermann und Margarete Sigle).


Quellen: Chronik Feuerbach, Otto Häussler, Oswald Hesse, Gotthilf Kleemann, Hermann und Karl-Hugo Sigle, Stadtarchiv Stuttgart, Wikipedia