Winterstetter Hof

Linzer Straße 4 / Stuttgarter Straße 114

Bild 1 von 2: Linzer Straße 4 / Stuttgarter Straße 114 etwa 1935, an der linken Ecke der ehemalige Gasthof STERN (Bild: Archiv Rieker)Bild 2 von 2: Mietshaus mit ehemaligem Ladenlokal  Linzer Straße 4  (Bild 2011: Arendt)

Die Ecke Linzer Straße 4 / Stuttgarter Straße 114 (Bild 1) verbirgt ein Stück mittelalterlicher Geschichte Feuerbachs, was der aktuellen Bebauung nicht anzusehen ist. Hier stand einst der Herrenhof des Schenk von Winterstetten und späterer Lehnshof der Württemberger Landesherrschaft, hervorgegangen 1401/1481 aus dem Besitzstand der Frauenberger Ortsherren. Er dehnte sich aus zwischen Linzer und Klagenfurter Straße.
Durch Verarmung und Eheschließungen hatte sich ihr Besitz im Verlauf der Jahrzehnte reduziert. So gehörte im Jahre 1401 die eine Hälfte der nicht vom Chorherrenstift Sindelfingen eingenommenen Fläche Feuerbachs dem württembergischen Grafen Eberhard III. (dem „Milden“), die andere Hälfte den Herren von Winterstetten und von Venningen, beide hatten 104 Morgen Ackerland, das bedeutet deutlich mehr als den einfachen Bauern allgemein zugestanden wurde. Diese soziale Ungerechtigkeit zeigte sich auch darin, dass „die Bauernhuben einschließlich der davon lebenden Familien zur Bezahlung von Herrenschulden weggegeben werden konnte“.
Zu einer Zeit, als die Württemberger bereits einen Großteil des Frauenberger Vermögens übernommen hatten, es war das Jahr 1442, verklagte Konrad, Schenk von Winterstetten († 1479), „Schultheiß, Richter und die ganze Dorfgemeinschaft“ bei dem westfälischen Femegericht, weil diese ihm angeblich „Zinsen, Renten und Herrenrechte abwendig“ machten.
Es wird auch davon berichtet, dass sich im Jahre 1478 die Dorfherren Schenk von Winterstetten und Eucharius von Venningen beim Grafen Eberhard V. („im Bart“) von Württemberg darüber beschwerten, dass „….die Buern ein Cappel uffgemacht haben ohne unser Wissen“. Der Standort dieser Kapelle ist nicht mehr bekannt.
Zur Verwaltung des Lehnshofs setzten die Württemberger sogenannte Hofmeier ein, denen dieser Besitz in Erbpacht überlassen wurde. Im Laufe der Jahrhunderte entstand daraus schließlich Privatbesitz, der in mehrere Parzellen aufgeteilt wurde. Im Jahre 1494 unterstand der Hof dem Meister Jacob Malßner. Hans Beckh folgte 1524, Hermann Gall 1558 sowie Caspar Emblin und Michel Salzmann 1572.
Die verbriefte Steuerfreiheit sowohl des Bebenhäuser Hofs als auch des „Freyhofes“ Winterstetten, der 1572 eine Landfläche von 104 und 5 Morgen bewirtschaftete, war im 16. Jahrhundert den Feuerbacher Weingärtnern und Kleinbauern Anlass zur Verärgerung, denn sie allein waren dagegen zu Abgaben verpflichtet.
Durch das Anwachsen der Bevölkerung stieg auch der Bedarf an anbaufähigem Land. Die Lehnshöfe erhielten infolgedessen 2 bis 3 oder mehr Teilhaber. Es wird berichtet, dass der Winterstetter Hof im Jahre 1701 neun Teilhaber zur Bebauung seiner Äcker hatte.

Im Jahre 1742 wurde dieser Hof „Xanders Spitalhof“ genannt, er gehörte Bernhard Gerlach und Anstett Hermann. „Dieser Hof bestand aus einem Haus, einer Scheuer und 1½  Achtel Baumgarten daneben, zwischen Hans Schaff einer- und der gemeinen Gasse (Stuttgarter Straße), auch Hans Schommels Hofraite andererseits, stieß oben auf Melchior Widmanns Scheuer und Garten und unten auf die Zwerchgasse (Klagenfurter Straße). Dazu gehörten 110 Morgen Feld und 16 Morgen Wald“, er hieß „Xanders Spitalwald“ und war noch 1757 vorhanden. Nach der Rodung gehörten die „Spitaläcker“ zu den Neubruchäckern.
„Eine Hofreite oder Hofraite ist der von den Gebäuden eines Gutshofs umschlossene Hofraum. Mittlerweile wird unter diesem Begriff auch ein alter Gutshof mit Nebengebäuden verstanden. In Hessen wird umgangssprachlich unter einer Hofreite ein landwirtschaftliches Anwesen (Bauernhof, Gehöft) innerhalb eines Orts in geschlossener Bauweise verstanden.“

Anstelle des Lehnshofes hatte noch um die Jahrhundertwende 1900 auf dem Platz der heutigen Linzer Straße 4 (bis 1938 noch Kirchhofstraße) ein alter Bauernhof gestanden (Eigentümer Ökonom Ludwig Schmiecer), welcher der Neubebauung dieses Straßenzuges weichen musste. Heute steht hier ein denkmalgeschütztes „expressionistisches Mietshaus mit ehemaligem Ladenlokal“ (Bild 2), es wurde im Jahre 1929 vom Feuerbacher Architekten Carl Bengel gebaut.  Bauherr war der Bauer Fr. Wemmer und Erstbezieher das zuvor in der Eychstraße 104 (heute Burgenlandstraße) untergebrachte Feuerbacher Postamt 2.
Unter diesem Gebäude befand sich der ehemalige herrschaftliche Weinkeller aus der Dorfherrenzeit, der wegen seines soliden Mauerwerks und wegen seiner Tiefe und Größe während des Zweiten Weltkrieges als öffentlicher Luftschutzraum (ÖLSR) genutzt wurde.
Das auf Bild 1 erkennbare Gebäude Stuttgarter Straße 114 gehörte 1929 dem „Landwirts Erben“ Ludwig Schmierer. Im Erdgeschoss befand sich das Friseurgeschäft von Richard Lechner.


Quellen: Chronik Feuerbach, Adreßbücher, O. Hesse, G. Kleemann, Liste der Kulturdenkmale, K. Müller, Schutzbauten Stuttgart e.V., Wikipedia, Stadtarchiv