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Feuerbach schreibt
"Fertig Feuerbach - Richard Kallee, Pfarrer und Geschichtsforscher"
Von Heinz Krämer

Erklärung des Titels
"Fertig, Feuerbach! - hieß es, nachdem im September 1846 der Pragtunnel durchschlagen und am folgenden 15. Oktober der erste Zug, reich bekränzt, von Stuttgart nach Ludwigsburg abgelassen wurde".
So steht es in der "Geschichte von Feuerbach" des Hofrats Dr. Oswald Hesse, Direktor der vormals Jobstschen Fabrik in Feuerbach (die in deutschen Landen führend war in der Herstellung von Chinin).

"Fertig, Feuerbach!" wurde in der Folge ein im Wortsinn "landläufiges" Zitat, dem jungen Stuttgarter Richard Kallee wohl bekannt. Der Gymnasiast humanistischer Schule nannte es, Homer folgend, ein "geflügeltes Wort", das er lebenslang gern bei passender Gelegenheit im Munde führte. Zumindest im Königreich Württemberg, bei der "Königlich-Württ. Staatseisenbahn" (im Volksmund "Komm Weib steig' ei'"), wurde der Abruf des Bahnhofsvorstehers ein von vielen in der Umgangssprache benutzter Ausdruck.

Er signalisiert mit erfrischend-energischer Resolutheit, langwierige Diskussionen und Debatten entscheidungsfreudig abzuschließen. Die - in unserer Zeit - unmerklich in Vergessenheit geratene Sprachform war nicht so schroff wie z.B. "Ab nach Kassel", das schon in der Zeit der unseligen Soldatenverkäufe in die Neue Welt aufgekommen war. Gleichwohl geht die Bedeutung in diese Richtung. Richard Kallee, als Mann der Tat, mochte und gebrauchte gern die praktische Redewendung. Als er 1896 noch Pfarrer in Hohenlohe-Öhringen war, bedeutete "Fertig, Feuerbach "den Aufbruch zu neuen Ufern, nachdem er sich entschieden hatte, die Pfarrei im Dorfe Feuerbach zu übernehmen.

Bei der Stadterhebungsfeier 1907 widmete das große Stuttgarter Neue Tagblatt (heute Stuttgarter Zeitung) der jungen Stadt Feuerbach ein Festgedicht, worin es heißt:

"Du bist nicht bloß im Schwabenland,
Bist in der ganzen Welt bekannt.
Es spricht von deiner Industrie
Der Yankee selbst mit Sympathie.
Auch tönt dein Name immerfort
Weithin als ein geflügelt Wort.
Rings auf der Erde tausendfach
Erklingt es: Fertig Feuerbach!"

Bei dieser Stadtfeier wie bei der Eröffnung der Straßenbahn nach Weilimdorf prangten die beiden Worte riesengroß an den Ehrenpforten. Selbstbewußt führten sie die Feuerbacher im Munde, waren sie doch Ausdruck der Vollendung einer gelungenen Tat (Reinhard Heinz).
Das geflügelte Wort, das die Menschen einst in der Tat beflügelte, erschien zum letzten Mal schriftlich in den dunklen Stunden der galoppierenden Inflation 1923, mit der die Reichsnotenpresse nicht mehr Schritt halten konnte: als Aufdruck auf dem Feuerbacher Notgeld.
Auf den Milliardenscheinen, die am nächsten Tag nach dem neuen Dollar-Kurs kein Stück Brot mehr wert waren, stand zu lesen - makaber und rührend entschuldigend zugleich: "Wir machens brav den andern nach - Fertig Feuerbach!"
So in der Chronik Feuerbach, Jahrgang 1923, verzeichnet. In diesem finsteren Epochejahr schied der kranke Richard Kallee mit 68 Jahren aus seinem Amt als Erster Stadtpfarrer von Feuerbach.


Prolog in Feuerbach

"Die Feuerbacher hatten einmal einen Pfarrer, der war ein gelehrtes Haus. Er saß gerne hinter dicken Büchern und suchte aus ihnen heraus, was in alten und uralten Zeiten einmal Wichtiges bei uns geschah, und was für Leute bei uns da herum lebten, und wie sie ihr Leben führten.
Das, was er mühsam zusammengeklaubt und kraft seines Spürsinns ergänzt und geformt hatte, das brachte er dann in neuzeitliches, jedermann verständliches Deutsch und setzte es seinen Gemeinde- und Volksgenossen vor, die daran eine Freude hatten.
Aber nicht nur in Büchern forschte der regsame Herr, nein, er grubelte auch fleißig im Boden herum und entdeckte dabei nicht weniger als ein ganzes Gräberfeld der Alamannen, was zu der Erkenntnis führte, daß dieser kraftvolle Volksstamm einst hier gehaust, und daß die Alamannen mithin die Vorfahren der grundechten Feuerbacher gewesen sind."

Mit diesem Zitat unseres feinsinnigen einstigen Studiendirektors Eugen Geiger aus seinem Buch "Was in Feuerbach die Amseln pfeifen" (Stuttgart-Feuerbach 1936) möchte ich dieses Büchlein über den langjährigen Ersten Stadtpfarrer in Feuerbach einleiten. Eugen Geiger, der Feuerbacher Schul-Meister in des Wortes ureigenster Bedeutung, Zeitzeuge und Freund Richard Kallees, fasst das Lebenswerk Kallees abseits der Kanzel treffend zusammen:
"Seine Entdeckung gab dem Herrn Pfarrer Gelegenheit, eine reichhaltige Sammlung von Schädeln und Skeletten der im Gräberfeld gefundenen Alamannen anzulegen und sie mit den Gegenständen auszuschmücken, die sich als Beigaben der Toten in den Gräbern fanden. In diese Sammlung hinein reihte er auch alles das, was er sonst noch an historisch, volkskundlich oder naturwissenschaftlich wichtigen Dingen erlangen konnte.

So geben uns ihre Fundstücke Beweise dafür, daß einst Elefanten im Seeweg drunten spazieren gegangen sind - wenn das auch lange, lange her ist." Für die Kinder unserer Zeit sei erklärt: der "Seeweg" war die Gegend, wo heute im "Mercedes-Forum" die stolzen Produkte von Daimler-ChrysIer zu bewundern sind. Von den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung wissen wir, daß die Gegend um das heutige Stuttgart am nordöstlichen Ende des beherrschenden Römischen Reiches lag, als "ein entfernter Grenzstreifen am Rande der bewohnten Welt" (Hansmartin Decker-Hauff).

Richard Kallee hat bildhaft gemacht, wie die Römer wenigstens "ins Feuerbachtal hineingeguckt haben". Das war damals noch kein Wirtshaus beziehungsweise "taverna", sondern das unberührt idyllische Tal, das wir uns - nach dem Lied "Im schönsten Wiesengrunde" - heute noch sehr wohl vorstellen können. Das Flüßchen hatte keinen lateinischen Namen, und gebaut wurde noch nicht, wenn wir von der friedlichen Aufbauzwecken dienenden römischen Ziegelei nahe der Ortsgrenze zum Weiler Botnang absehen.

Die Legionäre hatten sich kriegsstark in Canstada niedergelassen und im Gewann, das lange noch die "Altenburg" hieß, ein Großkastell errichtet. Wir Heutigen finden uns mit dem geographischen Begriff "Hallschlag" vielleicht besser zurecht. Die dort untergebrachten - aus Persien stammenden - römischen Panzerreiter haben wohl auf dem Wasen ihre Angriffe exerziert.

Für den Historiker ist es heute noch ein Alptraum: Die Stadt Stuttgart, 1905 schon mit Cannstatt vereinigt, wies 1908 das Gelände des historischen Kastells als Bauland aus - für eine Reiterkaserne!
Decker-Hauff sprach von einer "Ironie des Schicksals" und hat nachempfunden, was Richard Kallee - seit 1896 in Feuerbach Pfarrer - gelitten haben muß. Sein Vater, Eduard von Kallee, hatte ja als pensionierter General die Grundlagen der römischen Limes-Forschung in Deutschland aufgebaut. "Stuttgart könnte heute die einzige deutsche Großstadt sein, die ein vollständiges und wohlerhaltenes römisches Kastell inmitten ihres Stadtgebietes aurweisen könnte. Aber die Chance wurde vertan. Ausgerechnet wieder eine Reiterkaserne dort, wo 1800 Jahre zuvor die schweren römischen Panzerreiter stationiert waren. An Baugelände hat es damals nicht gemangelt; der interessante Platz ging zugrunde. Einmal mehr ist Stuttgart um ein wichtiges Bauwerk seiner Geschichte ärmer geworden." So unser unvergessener Landeshistoriker Hansmartin Decker-Hauff, der selbst einem württembergischen Pfarrhaus entstammte.

Als Ironie des Schicksals könnte in diesem Zusammenhang auch gelten: In der "Reiterkaserne", an der Stelle des Kastells der römischen Panzerreiter, ging in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Reichswehr-Hauptmann Erwin Rommel um mit den Ideen zu seinem Buch "Infanterie greift an". Bereits beschäftigte ihn die Panzertaktik der Moderne, mit der er - nicht ohne Bezug zu Rom - als Generalfeldmarschall in Nordafrika später Militärgeschichte schreiben sollte.
Zurück ins beschauliche Feuerbach, wo wir von Eugen Geiger allerlei über die Feuerbacher in alter Zeit erfuhren, "auch daß diese ein gesundes, rühriges und arbeitsames Geschlecht waren, dem der Humor nicht fremd gewesen ist, was sich aus einem alten Dachziegel eines Feuerbacher Hauses ersehen läßt, auf den ein Spaßvogel von Ziegelknecht - Abkömmling eines römischen "Zieglers"? - den Vers geschrieben haben soll:

"Die Mädchen hat der Herr erschaffen
Für Ziegelknecht und nicht für Pfaffen."

Durchaus denkbar, daß der kecke Vers auf einer der honorigen Mittwochs-Gesellschaften im Feuerbacher Bahnhotel oder in der "Rose" gefallen ist, und sehr wahrscheinlich ist es auch, daß in diesem illustren Kreise Richard Kallee sich revanchierte mit seiner Geschichte der Entdeckung der keltischen Fliehburg auf dem Feuerbacher Lemberg in unmittelbarer Nähe des Horns.

Wir verdanken sie auch der einfühlsamen Aufzeichnung des Studiendirektors, der stilsicher den Ton bescheidener Untertreibung traf, mit dem der elegante Kanzelredner Kallee seine Story zu einem Leckerbissen werden ließ: "Also, daß ich es recht sage: der Anspruch, an dieser denkwürdigen Stelle zuerst gegraben zu haben, gebührt nicht dem Herrn Pfarrer, sondern seinem Dackel, dem Walle. Dieser entfernte sich nämlich unerlaubter Weise von der Seite seines Herrn und scharrte so heftig und eifrig, daß er den Pfiff und den Ruf seines um ihn wegen des gestrengen Försters besorgten Herrn überhörte, so daß dieser sich durch Gebüsch und Unterholz hindurcharbeiten mußte, um den Dackel auf den Weg der Ordnung zu holen. Doch machte er große Augen, als er sah, was sein Dackel beim Scharren zu Tage gefördert hatte: Scherben und andere Reste, daraus der Kundige erkennen konnte, daß hier einst Menschen gehaust hatten, und daraus man auch schließen konnte auf die weit, weit zurückliegende Zeit, in der dies der Fall war."

Zur chronologischen Feinabstimmung sei angemerkt, daß dies ein gutes halbes Jahrtausend vor Christi Geburt war, als die Kelten, noch bevor sie von den Germanen aus unserer Gegend vertrieben wurden, sich auf dem Horn eine Fliehburg gebaut hatten, in einer aus der Hallstattzeit in Resten vorhandenen Anlage.

Der Erfolg aber, den des pfarrherrlichen Dackels konsequenter Forschungsdrang zu verzeichnen hatte, riß den Humanisten Richard Kallee zu einer homerischen Hymne in Hexameterhöhen, mit gekonntem Stabreim, nach der Dichterschule des Tübinger Stifts:

"Heil dir, herrliches Hundsvieh, welchem die Götter gegeben
Das, was die Erde verbarg, lachendem Lichte zu leihn!
Heil mir, dem es vergönnt, der Wissenschaft Dienste zu leisten.
Heil dir, mein Feuerbach, Heil! Heldische Almen sind dein!"

Mein verehrter Freund, der Kunstmaler Richard Albrecht, dem Feuerbach künstlerisch wie literarisch viel verdankt, war bei einigen der frühgeschichtlichen Ausgrabungen Kallees mit von der Partie. Er berichtet in seinem Buch "Feuerbach ond ebbes Feuerbächer", mit welcher Sorgfalt die Funde in den alamannischen Gräbern sichergestellt wurden: Totenköpfe und Gebeine, Münzen, Tonscherben, Kämme, Halsbänder, Gürtelschlösser, Schwerter, Lanzen, Pfeile und Sporen. Zeitliche Einordnung: 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung.

Aus über 100 Alamannengräbern - links und rechts der damaligen Rosenstraße, dem oberen Teil der Stuttgarter Straße heute - wurden im ganzen 760 Gegenstände geborgen. Interpretierend fügte Richard Albrecht hinzu: "Ein großer Teil der alteingesessenen Familien in Feuerbach stammt direkt von den Alamannen ab."
An seinem Pfarrer Kallee rühmt er dessen respektheischende Profiliertheit und eine in Feuerbach auffallende Weitläufigkeit in der Eßkultur: "Von den Spargeln aß er nur die Spitzen"!

Als Wengerter auf der "Haward" (Hohewart) schätzte Richard Albrecht den Weinverstand des geistlichen Herrn, er war "am Honoratiorentisch der Mittwochsgesellschaft ein würdevoller Vertreter seines Standes". In der honorigen Mittwochsgesellschaft hatten bereits Geschäftswelt und Pioniere der aufstrebenden Feuerbacher Industrie Einzug gehalten. Dort, wo die homerischen Hexameter vom "Hundsvieh" ihre Premiere gehabt haben mögen, war noch unbewußt etwas lebendig, das auf die zahlreichen Besuche des deutschen Volksdichters Ludwig Uhland im Feuerbacher Pfarrhaus zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurückging, und auf die Poesie, die der junge Uhland im Pfarrgarten, im Wald und auf der Feuerbacher Heide, erdacht hat.

Hundert Jahre nach Uhland, als Richard Kallee und seine Familie im Pfarrhaus wohnten, weilte ein Dichterfreund Hermann Hesses in Feuerbach: Ludwig Finckh aus Reutlingen, einer vom Schlage Ludwig Uhlands; auch er Tübinger Jurist mit literarischer Begabung, liebenswürdig und bescheiden. Zu Gast war er bei meinem Onkel Karl Schneider, Stadtrat und Fabrikant, der die "Schneider-Kanne" kreierte, und mit Hermann Hesse verwandt war. Schriftlich überliefert jedoch ist ein Eintrag in das Gästebuch des Feuerbacher Fabrikanten-Kollegen Konrad Model, mit dem ich den "Prolog in Feuerbach" beschließen möchte:

"Vergangenheit, Kunst und Natur
gruben sich eine heimliche Spur.
Man sieht es nicht, wenn man mir schleckt,
Was hinter dem alten Feuerbach steckt."

Aus "Fertig Feuerbach" von Heinz Krämer
Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Heinz Krämer

Der Autor:
Feuerbacher nicht nur von Geburt (1924), sondern fast schon aus Passion, ist der Autor Heinz Krämer. In Feuerbach aufgewachsen, Abitur (1942), Kriegsdienst als Leutnant, verwundet in Rußland und in den Ardennen. Studium (1945): Englisch, Geschichte, Französisch und Philosophie in Tübingen, London, Paris und Los Angeles. Dr. phil. Tübingen (1951) "magna cum laude". Lehrer an seiner alten Schule, dem Leibniz-Gymnasium - Gründer der Schulzeitung "filia und filius" am Gottlieb-Daimler-Gymnasium Bad Cannstatt, Vertrauenslehrer der Schüler. Daneben Dozentur an der Maryland University (Heidelberg Branch) für Deutsch und Europäische Geschichte.
1969 Berufung ins Staatsministerium Baden-Württemberg. Stv. Protokollchef und Leitender Ministerialrat bei den Ministerpräsidenten Filbinger und Späth.

Publikationen: "Die Villa Reitzenstein und ihre Herren, "Killesberg-Geschichten", "Schiller" im Leitfaden des Landtags von Baden-Württemberg, "Als Stuttgart badisch war" u. a.

Fertig Feuerbach!

Richard Kallee, Pfarrer und Geschichtsforscher
Von Heinz Krämer
96 Seiten mit 29 zeitgenössischen Fotos und Faksimiles einiger Handschriftenbeispiele mit schriftpsychologischer Expertise von Roswitha Klaiber, Format 15 x 21,5 cm, fester Einband mit farbigem Überzug
EUR 9,90.- ISBN 3-87181-016-9
DRW-Verlag Weinbrenner GmbH & Co. KG
70771 Leinfelden-Echterdingen

Erhältlich bei Carpe Diem


27.09.2004

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