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Schillers "Räuber" wurden geschrieben, wo heute der Landtag steht
Von Heinz Krämer
Sein Jugendwerk „Die Räuber", das Schillers internationalen Ruf begründete, hat Schiller in der Krankenstube der Hohen Carlsschule zu Papier gebracht; dem Platz, auf dem heute das „Haus des Landtags" steht, war zu Schillers Zeiten der nordöstliche Eckbau der Akademie des Herzogs Carl Eugen, deren prominentester Student der Eleve Fritz Schiller war.
Die Hohe Carlsschule, die Gymnasium, Universität, Kriegschule, Kunst- und Musikakademie sowie Handelsschule in einem war, wurde von dem ehemaligen Kultusminister Gerhard Storz „die modernste Universität im damaligen Europa" genannt. Sie war in ihrem breitgefächerten Bildungsangebot durchwebt vom Geist der Aufklärung. Schiller sagte allerdings von ihr, dass „des Herzogs Bildungsschule das Glück vieler machte, wenn sie auch das meine verfehlt haben sollte".
In einer Mansarde jenes Eckbaus der Akademie, wo außerhalb der Mauer die Ulrichstraße auf die Neckarstraße (heute Konrad-Adenauer-Straße) trifft, befand sich das Krankenrevier, insgesamt neun Stuben. Dort war man für sich, durfte sogar nachts Licht brennen. „Wenn Schiller dorthin geschickt wurde, wegen eines geschwollenen Halses etwa, dann hat er die Extrafreiheit zum Schreiben genutzt" (Peter Lahnstein). Darüber hinaus wird vermutet, dass Schulfreunde Schillers - auch Lehrer - von den „Räubern" wussten und entsprechend stolz auf den Verfasser waren, so dass sie ihm die Vorteile eines Refugiums verschafften. Man kann also sagen: Auf dem Platz des heutigen Landtaggebäudes bahnte sich ein Genie mit äußerster Selbstzucht seinen Weg und wird für die Nationen fruchtbar, ja für die Welt.
Wir erfahren vom harten Alltag der Carlsschule, der Sommers um fünf, im Winter um sechs Uhr begann: Mit durchschnittlich acht Unterrichtsstunden, eingefügt in einen spartanischen Tagesablauf. Zwischendurch eine Art Putz- und Flickstunde, geführte Spaziergänge, militärische Ordnung auf allen Wegen – totaler Freiheitsentzug.
Erstaunlich modern waren dagegen andere Dinge: Es gab ein anständiges Mittagessen; jedem stand ein halbes Pfund Fleisch zu (wohl mit Knöchle) - es sei denn, der Betreffende war gerade in der Strafklasse. Zu trinken gab es einen Schluck landesüblich leichten und sauren Weins, zum ebenfalls ordentlichen Abendessen aber nur Wasser. Trinkkuren mit Cannstatter Sauerwasser sind überliefert im Rahmen einer für das 18. Jahrhundert geradezu ungewöhnlichen Wasserfreundlichkeit. Die Baderei in der Carlsschule mutete revolutionär an für die damalige Zeit - wie auch die Anordnung, dass die Hemden alle zwei Tage gewechselt wurden ...
Als die Schule in der ersten Zeit noch auf der Solitude war, wurde an schönen Tagen im Freien geschwommen; in Stuttgart in eigens eingebauten Schwimmbassins. Es gab sogar ein beheiztes Winterbad. Um neun Uhr abends mussten alle in die Betten. Weibliche Bedienstete in der Akademie hatten „senex et horrida" zu sein, uralt und blitzwüst oder im Originalton Schillers: „Die Akademietore öffneten sich für Frauenzimmer nur, ehe sie anfangen, interessant zu werden, und wenn sie aufhören, es zu sein."
Die hochgewachsene und anmutige Franziska von Hohenheim, weiland Favoritin und Maitresse en titre des Herzogs, bildete die Ausnahme. Sie war das einzige weibliche Wesen, das im Komplex der Akademie Objekt der Bewunderung sein konnte, für das die Jünglinge schwärmen konnten. In Fantasie und Traum dürfte sie, die Schutzpatronin der cirka 600 Studenten, eine erhebliche Rolle gespielt haben. Selbst jung und mit viel Sinn für Humor sympathisierte sie mit den Akademisten. Sie kannte fast jeden beim Namen. Unzählige Male war sie dabei, z.B. wenn Serenissimus am Eingang zum Speisesaal die Zöglinge vorbeidefilieren ließ, um die Strafbillets zu kontrollieren. Man vermutete damals schon, dass er nur deshalb Strafen in Franziskas Gegenwart verpasste, damit die Gräfin für manchen schlotternden Eleven um Erlass der Strafe bitten konnte. Eine solche Szene ist auch im Schillerfilm mit Heinrich George als Herzog und Lill Dagover als Franziska eindrucksvoll eingebaut- ein Film, bei dem ich in den Sommerferien 1940 als Eleve mitmimen durfte, als die Außenaufnahmen in und um Stuttgart gedreht wurden.
Der Herzog haßte die „Komödienschreiberei"
Ein begeisterter Verehrer Franziskas war der junge Schiller, dessen Format sie besser erkannte als der Herzog, der zwar auch „ein brauchbares Subjektum" aus ihm zu machen gewillt war, der aber dessen „Komödienschreiberei" nicht ausstehen konnte. Franziska nahm Schiller unter ihre besondere Protektion, forderte ihn auch auf, eine Geschichte Württembergs zu schreiben. Eine solche aus dem Jahre 1778 - Schiller war 19 - fand sich in ihrem Nachlass mit einem barocken Titelblatt, das ein Klassenkamerad, wahrscheinlich Viktor Heideloff, beisteuerte. Im Herbst 1775 verlegte der Herzog seine Schule von der Solitude hinunter nach Stuttgart. Er empfing den Zug seiner „Söhne" (eine erkleckliche Anzahl wirklicher Söhne wurde nie in Abrede gestellt) an der Hasenbergsteige, und mit ihm an der Spitze zogen sie unter klingendem Spiel in die neue Behausung hinter dem Neuen Schloss.
Historisches Bild der Hohen Carlsschule (1944 gröstenteils zerstört). Stahlstich von Karl Phillip Conz, einem Jugendfreund Schillers
Gustav Wais erzählt in seiner „Schillerstadt Stuttgart", wie die als „Akademie" bekannte Baulichkeit ehedem die Untere Kaserne war. Die Landstände hatten diese hinter dem neuen Residenzschloß errichten lassen, um die Bürgerschaft von der belastenden Quartierpflicht zu befreien. Der Herzog nahm jedoch die Kaserne nach ihrer Fertigstellung für seine Akademie in Anspruch. In fünf Monaten wurde umgebaut und erweitert. Bei Carl Eugen pressierte es immer: 680 Handwerker, zeitübliche Fronarbeit und Gespanndienste schafften den Einbau eines Speisesaals und der Kirche, die zugleich Festsaal wurde, Ateliers für die Kunststudenten, die erwähnten Schwimmbassins und Krankenstuben nebst einer Bibliothek in dem hinzugefügten nordöstlichen Flügel, wo heute der Landtag steht. Die Bauleitung des gelungenen Werks im klassizistischen Stil hatte der Major und Baudirektor Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer, einer der natürlichen Söhne Carl Eugens, und Schüler des Versailler Star-Architekten Louis Philippe de la Guepiere. Der Mittelteil der Akademie mit dem sehr schönen Festsaal hat, wenn auch nur mit den Außenmauern, den Bombenkrieg überstanden. Viele alte Stuttgarter hatten gehofft, dass wenigstens dieses Erinnerungsstück an die hohe Carlsschule restauriert würde. Es blieb beim Eingangsrelief an der Rückseite des Neuen Schlosses und dem von Hofbaumeister von Thouret 1807 erbauten klassizistischen Brunnen.
Was wäre, wenn ...
Erlauben wir uns ein Gedankenspiel: Wie wären wohl Schillers Jugendjahre verlaufen ohne die sieben Jahre Hohe Carlsschule, die ihm „parordre du mufti" verordnet wurden: auf herzogliches Geheiß. Ohne dieses wäre er wohl mit Sicherheit in eine der evangelischen Klosterschulen Württembergs eingerückt, hätte statt der schmucken Uniform eine Art Kutte getragen. Statt der Kasernendisziplin hätte er unter der klösterlichen Zucht gelitten, „die noch vier Generationen später einen Hermann Hesse 'unters Rad' gebracht haben". So Peter Lahnstein bei unserer Diskussion am Historiker-Stammtisch in der Alten Kanzlei. Auf dem Tübinger Stift hätte Schiller brilliert wie Hegel, Schelling und Hölderlin. Seine Bildung wäre einseitiger, altsprachlichtheologisch gewesen; seine Freunde aus dem engen Württemberg, ohne die zahlreichen, französisch sprechenden Mömpelgarder der Carlsschule, wo auf dem Stundenplan „Deutsch für die Franzosen" und „Französisch für die Deutschen" stand - ganz zu schweigen von der Vielfalt des „modernen" Bildungsangebots der Akademie, deren Lehrkörper mit hervorragenden Professoren besetzt war.
Ein überragender wäre beinahe dazugekommen. Vater Leopold Mozart schrieb 1778 seinem aus Paris zurückreisenden Wolfgang Amadeus einen Brief aus Wien, der konkrete diesbezügliche Vorschläge dafür enthielt: „Stuttgart oder Ludwigsburg, wo etwa der Herzog von Wirtemberg sein wird, ist nahe am Badischen. Der Herzog ist ein erstaunlicher Liebhaber der Musik und hat eine große Musikschule von jungen Leuten, die selber der Kaiser in Augenschein genommen hat. Du solltest alles Menschenmögliche anwenden, mit Seiner Durchlaucht sprechen zu können." Leider waren Wolfgangs Gedanken nicht darauf gerichtet, in Stuttgart empfangen zu werden oder gar eine Anstellung zu finden. Ihn, den Heißverliebten, zog es erst nach Mannheim und dann nach München -jeweils auf den Spuren seiner vergötterten Aloysia...
Franziska von Hohenheim und Herzog Carl Eugen vor dem Speisesaal der Eleven bei der Kontrolle der Strafbillets (aus: Schillerfilm 1940).
Lahnstein, der feinste Schillerkenner, sah im Vergleich mit dem Tübinger Stift - die reichere Fracht für den Lebensweg Schillers auf Seiten der Carlsschule, wo die Studenten zweifellos auch mehr an „Welt" verspürt haben. Schiller selbst sagte dazu: „Was wäre ich jetzt? - ein tübingisches Magisterlein!" – Das ist eine der sich widersprechenden Äußerungen Schillers über die Akademie - aber eine ganz wichtige.
Hof der Hohen Carlsschule: Herzog Carl Eugen beim Appell der Eleven.
Die Jahresfeier 1779, zu der Goethe kam
Am 14. Dezember dieses Jahres fand ein Festakt zum „9. Jahrestag der Herzoglichen Militair- Akademie" statt, den der Verleger Cotta in einer Veröffentlichung würdigte. Dem Eleven Schiller wurden drei Medaillen verliehen: in praktischer Medizin, in Arzneimittelkunde und in Chirurgie. Die Feier erhielt ihren hohen geistigen Rang durch die Anwesenheit des 30jährigen, schon berühmten Geheimen Rates Goethe, der sich mit seinem Herzog Karl August von Sachsen-Weimar auf der Rückreise von der Schweiz befand und die Hohe Carlsschule besuchte. Goethe hat damals den rötlich blonden Eleven nur als fleißigen Mediziner gesehen. Mag der Olympier damals gedacht haben: „Klein ist der Geist der Medizin", wie es später in seinem „Faust" eingeflossen ist? - Sicher ist, dass Fritz Schiller dem Dichter des „Götz von Berlichingen" und des „Werther" mit leuchtenden Augen gehuldigt hat. Kurioserweise ist damals der Preis im Fach Deutsch nicht an Schiller gefallen - durch Losentscheid. Hätte der Eleve Schiller, der insgesamt in fünf Fächern unter den Anwärtern für Preise war, noch einen vierten erhalten, wäre er – schon damals - in den Stand des „Chevaliers" erhoben worden, der untersten Adelsgruppe. Diese Elite durfte einige Vorzüge genießen, u.a. beim Mittagessen in unmittelbarer Nähe des Herzogs zu speisen...
Damals im Weißen Saal überreichte der Intendant der Akademie dem Herzog die Preise und „Höchstdieselben geruheten gnädigst, sie den herbeigetretenen Chevaliers und Eleven zu erteilen, worauf jeder von diesen bei Empfang seines Preises die Gnade hatte, die Chevaliers die Hand, die Eleven aber den Rock der Herzoglichen Durchlaucht zu küssen." Seit der Erhebung der Akademie zur Universität im Jahre 1781 durch Kaiser Joseph II. ließ der Herzog den Rock-Kuss entfallen, was „für die Hochschule als erfreulicher Fortschritt in der Humanität" rühmend erwähnt wird. Das Wort Demokratie wagte man noch nicht in den Mund zu nehmen...
Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Heinz Krämer
Aus "Landtag von Baden-Württemberg - Leitfaden zu Aufgaben und Geschichte" ISBN 3-923476-12-4
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