Gudrun Weitbrecht ist eine Feuerbacherin - keine Feuerbächerin. Die in Hessen geborene Krimiautorin muss leider auf den Umlaut beim „a“ verzichten. Dafür kann sie mit einer anderen Karte trumpfen: Ihre Kurzkrimis sind psychologisch und emotional ausgereift und obendrauf spannend. Nun hat die begabte Autorin eine Anthologie mit eigenen, sowie Kurzkrimis anderer schwäbischer Autoren herausgebracht. Ihr eigenes Werk veröffentlichen wir nun hier für Sie in voller Länge.
“Tödliche Kehrwoche“ heißt das Buch, welches am 19. Oktober in einer feierlichen Lesung im Feuerbacher Bürgerhaus der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und ist erhältlich im Buchhandel und in den örtlichen Buchhandlungen (wir berichteten).
Die 14 Kurzkrimis unterschiedlicher (teils preisgekrönter) baden-württembergischer Autoren warten darauf, dem Leser die dunklen Spätherbst- und Winternächte kribbelnder weise zu versüßen.
Wir freuen uns, Ihnen nun den eigenen Beitrag von Gudrun Weitbrecht zu diesem Buch - einen Kurzkrimi namens „Das Familienfest“ hier vollständig präsentieren zu dürfen.
GUDRUN WEITBRECHT Das Familienfest
Sie hatten draußen gedeckt. Im Schatten, unter der hundertjährigen Kastanie. Ihr Stamm war in den zehn Jahren, seitdem ich zum letzten Mal hier gewesen war noch dicker, noch bemooster geworden. Die weiß gedeckte Tafel mit den zusammengesuchten Stühlen aus dem Haus wartete auf die Familie und mich.
Es war ein drückend heißer Juli-Tag, in einem Jahrhundertsommer. Der Neckar floss flirrend träge. Angler und Stocherkahnfahrer blieben aus, nur vereinzelt hörte man Rufe, von dort, wo der Fluss eine Biegung machte. Die Zeit schien stillzustehen. Kein Wind war zu spüren. Die baufällige Villa inmitten eines parkähnlichen Gartens, dessen durch Trockenmauern gestützte Terrassen und Wiesen bis zum Ufer des Flusses reichten, hatte schon einmal bessere Tage gesehen. Damals als Großmutter Ada noch lebte und mit eisernem Regiment Geld, Güter und Grundstücke zusammenhielt, Ihr Mann, Oberst Edmund von Sauter, war kurz vor Kriegsende bei der Verteidigung des Führerbunkers in Berlin gefallen. Ada bekam von der Nachricht einen Schock und eine Sturzgeburt. Meine Tante Annerose erblickte das Licht der Welt.
Durch seinen frühen Tod blieb dem Oberst der Skandal erspart, dass seine ältere Tochter Elisabeth, die später in eine Mutter werden sollte, mit einem verheirateten Reitlehrer durchbrannte. Unglücklicherweise verliebte sich die zweite Tochter Annerose, sie war damals erst achtzehn, in einen ebenso wenig standesgemäßen Mann: Georg. Er war ein charmanter Blender, der sein unregelmäßiges Auskommen bisher als Zirkusartist verdient hatte. Als er Annerose kennen lernte, sah er die Chance seines Lebens. Nun hoffte er, nie mehr arbeiten oder sich die Hände schmutzig machen zu müssen. Bald wurde es sichtbar, dass Annerose bereits intimere Bekanntschaft mit Georg gemacht hatte und schwanger war. Während Großmutter Ada noch überlegte, wie man dieser Schande am besten begegnen könnte, flüchteten die zwei nach Gretna-Green und setzten Ada vor vollendete Tatsache, indem sie als frischgebackenes Ehepaar zurückkamen. Wohl oder übel schloss Ada ihre Tochter und den Schwiegersohn in die Arme. Als die Patriarchin im Jahr danach an einem blutenden Magengeschwür verstarb, vermutete niemand, dass ihre Krankheit durch Ahnungen über das kommende Unglück ausgelöst worden war. Bei der Testamentseröffnung erfuhr Annerose, dass ihr Mann es in der kurzen Zeit verstanden hatte, sich bei seiner Schwiegermutter einzuschmeicheln. Er war der Haupterbe. Den Schwestern, meiner Mutter Elisabeth und Tante Annerose blieben nur die Pflichtteile, was Georg zu der Bemerkung veranlasste: „Was wollt Ihr? Es bleibt doch in der Familie."
Georg verfeinerte seinen angenehmen Lebensstil und lebte auf großem Fuß. Er legte sich einen Alfa Romeo zu, den er kurze Zeit später zu Schrott fuhr, während Annerose ihre Einkäufe mit dem Fahrrad erledigen musste. Für Kinder war sowieso kein Platz im Sportauto vorgesehen. Als Luise, die Erstgeborene, zur Welt kam, war Georg noch geschmeichelt, bei der zweiten Tochter Katharina wurde er böse. Er wollte unbedingt einen Sohn. Der Kauf einer Eisenbahnanlage, die ein Zimmer ausfüllte, in dem eine Tanzgesellschaft Platz gehabt hätte, sollte wohl einen magischen Einfluss auf das Geschlecht des werdenden Kindes ausüben. „Damit spielt einmal mein Sohn", entgegnete er meiner Tante, die ihm Vorhaltungen wegen der unnützen Geldausgabe machte.
Die Loks und Bahnhöfe verstaubten, (der Sohn zeigte in späteren Jahren für andere Dinge Interesse) und mein Onkel wandte sich einem neuen Hobby zu: dem Segelfliegen. Tante Annerose und ihre zwei kleinen Mädchen verbrachten die nächsten Monate auf einer Flugpiste und im Hangar. Sie mussten zusehen, wie ihr Mann und Erzeuger mehrmals Bruchlandungen machte. Wie durch ein Wunder stieg Georg nur mit kleineren Blessuren aus den demolierten Flugzeugen aus. Wie immer, wenn Onkel Georg etwas Gefährliches oder Unsinniges tat, lachte er spöttisch meine Tante wegen ihrer Sorge aus. Nie fiel ihm dabei die scharfe Linie um Anneroses Mund auf, die sich mit jedem Jahr Ehe vertiefte. Ich glaube, in späteren Jahren wünschte sich meine Tante oft, ihr Mann hätte einen seiner Crashs nicht überlebt.
All dies erfuhr ich aber erst, nachdem ich - „das arme, verlorene Würmchen Pia", wie mich Tante Annerose fortan nannte - als drittes Kind von ihr aufgenommen wurde. Meine Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ich war eine verängstigte Vierjährige, die nur mit Licht einschlafen konnte und die bei jeder Gelegenheit weinte. Da ich hinten im Auto gesessen hatte und mein linkes Bein eingeklemmt worden war, blieb trotz mehrerer Operationen ein leichtes Hinken zurück.
Endlich nach fünf Jahren kam der, vorn Hausherrn sehnlich erwartete, Kronprinz Edmund zur Welt, und für kurze Zeit schien es, als ob sich mein Onkel bemühte, sein Leben zu ändern. Doch diese trügerische Hoffnung meiner Tante zerplatzte wie eine Seifenblase. Ihr Ehemann torkelte weiterhin in den frühen Morgenstunden nach Hause, manchmal blieb er ganz weg. Sein Anzug und das Hemd rochen nach altem Zigarettenrauch, (Onkel Georg rauchte nur Havannas!) und nach billigem Parfüm.
„Du bist selber schuld, ich hole mir halt woanders das, was ich bei dir nicht bekomme", schrie er meine Tante an, während drei Teenager und Edmund aufgeschreckt durch den Streit, hinter den Kinderzimmertüren lauschten. Das war zu der Zeit, als Georg die Grundstücke von Großmutter Ada nach und nach verkaufte, um das Geld mit seinen Zechkumpanen im Spielcasino zu verzocken oder mit Damen des horizontalen Gewerbes durchzubringen. Das Vermögen zerfloss, nur das Haus und die Ahnengalerie erinnerten entfernt an den vergangenen Glanz. Tante Annerose legte aus dem Verkaufserlös ihres Schmuckes ein Sparbuch an, das für Notzeiten und für die Ausbildung der Kinder verwendet werden sollte. „Den Schmuck brauche ich nicht mehr, wann gehe ich denn aus?", hatte sie mir und Luise erklärt und uns zum Stillschweigen verdonnert.
Meine Tante, die früher im Haushalt nie einen Finger krumm machen musste, da zu Großmutter Adas Zeiten genügend Dienstpersonal für das Wohl der Familie gesorgt hatte, rackerte sich ab. Sie verbrauchte ihre Kraft bei der Haus- und Gartenarbeit und dem Einkochen von Obst und Gemüse für den Winter. In besseren Tagen hatte eine Waschfrau alle drei Wochen den Heißwasser-Kupferkessel und das Waschbrett bedient, nun musste meine Tante diese Schweiß treibende Arbeit verrichten, bevor Georg ihr großzügig die erste Waschmaschine kaufte. Annerose besorgte sich eine Nähmaschine und Schnittbogenhefte und schneiderte für uns Kinder Kleider und Hosen. Sie selbst zog nie ihre Schürzen aus, um ihre Kleidung zu schonen. Werktags war es eine bunte, sonntags eine weiße.
Annerose baute Ställe, die im hintersten Winkel des Gartens Platz fanden, und kaufte sich Hühner und Hasen. So war das sonntägliche Fleisch gesichert, auch wenn Katharina und ich nie davon essen wollten, denn die Hasen bekamen von uns Namen wie Klopfer, Mümmel oder Weißohr. Luise und Edmund machte der Umstand, dass wir mit unserem Braten vorher gespielt hatten, weniger aus. Mein Cousin sah gerne beim Schlachten der Tiere zu, am liebsten hätte er es selbst gemacht. Er hatte sich zu einem geschickten Angler entwickelt. Wenn er die Flussforellen mit einem Stein totschlug, sie mit seinem Schweizer Messer ausnahm, und triumphierend nach Hause brachte, glänzten seine Augen fiebrig. Edmund fing auch Frösche. Er schlitzte ihnen den Bauch auf. Wenn er danach die Lurchschenkel berührte, zuckten die toten Muskeln noch minutenlang. Er erschreckte uns Mädchen, indem er die sterbenden Tiere vor uns präsentierte. „Der Junge wird mal Arzt", stellte mein Onkel begeistert fest.
Meine Tante lernte aus wenigem viel zu machen. Sie verwertete von den geschlachteten Haustieren einfach alles. Um nicht beim Metzger Kalbshirn kaufen zu müssen, kochte sie aus dem Hasenhirn eine schwäbische Hirnsuppe, die mit Weißwein und Eierstich verfeinert wurde. Onkel Georg aß die Suppe leidenschaftlich gerne und kam zu diesen Mahlzeiten sogar pünktlich. „Das gibt Hirnschmalz", erklärte er seinem Liebling Edmund. Hasen- und Hühnerfleisch gab es in vier verschiedenen Variationen. Mein Onkel kommentierte Anneroses Mühe mit den zynischen Worten: „Anscheinend gebe ich dir zu viel Haushaltsgeld."
Für Reparaturen der Villa war kein Geld da, das Gebäude zerfiel sichtlich. Trotzdem liebte ich das alte Gemäuer, denn es hatte Winkel und Ecken, in denen ich mich verstecken konnte, wenn ich einsam war oder mich vor Monstern fürchtete. Und ich fürchtete mich oft.
Das Dach war undicht, und wenn es heftig regnete, stellten wir Eimer und Schüsseln auf, um keine nassen Füße zu bekommen. Im Winter, bei länger anhaltenden Minusgraden froren regelmäßig die Wasserleitungen ein. Eigentlich war kein Geld für den Flaschner übrig, aber die Tante verzichtete auf einen neuen Wintermantel, obwohl der alte schon viele durchscheinende Stellen hatte. Sie bestellte den Handwerker und bezahlte ihn von dem Geld ihres geheimen Kontos. Onkel Georg kümmerte dies alles nicht. Wir sahen ihn fast nie. Er war in irgendwelchen undurchsichtigen Geschäften unterwegs, die immer wieder wechselten und fast immer in einem Fiasko und lautstarkem Streit zwischen den Eheleuten endeten. Falls er doch mal nach Hause kam, dann nur um Hemd und Anzug zu wechseln und uns Kinder „zu erziehen." Luise und ich bekamen bei dem geringsten Anlass seinen Gürtel zu spüren. Selbst Katharina, ein schlichtes Gemüt, die mit abgöttischer Liebe an ihrem Vater hing, bekam Ohrfeigen, worauf sie einen zuckenden Anfall mit Schaum vor dem Mund bekam. Als meine Tante dazwischenging und ihn anschrie: „Dass du dich nicht schämst! Lass die Kinder in Ruhe oder ich lasse mich scheiden!" lachte mein Onkel sie aus. „Wohin willst du denn mit deinen ungeratenen Töchtern? Dich nimmt doch niemand mehr. Schau dich mal an." Tatsache war, dass sich meine Tante im Laufe ihrer Ehe von einem zierlichen, fröhlichen Mädchen zu einer zänkischen Matrone verwandelt hatte. Sie war erschöpft vom Kampf ums tägliche Überleben, uns Kinder erzog sie nur sporadisch oder zufällig. Als sie begann, sich Sorgen um Edmunds Entwicklung zu machen, war es bereits zu spät.
Beim Essen saßen wir Mädchen am Tisch mit Stöcken im Rücken, dicke Bücher eingeklemmt zwischen Oberarmen und Taille, damit wir lernten, Messer und Gabel im richtigen Winkel zum Körper zu halten. Edmund musste nie so sitzen, überhaupt verhätschelte und verzog Georg den Jungen, was sich auf dessen Charakter nicht gerade positiv auswirkte. Er entwickelte sich zu einem egoistischen Lügner und Sadisten, der mehr als einmal Katharina wegen ihrer langsamen Art verspottete und quälte. Darüber regte diese sich so auf, dass einer ihrer epileptischen Anfälle folgte. Als ich Edmund zur Rede stellte und ihm androhte, es seinen Eltern zu sagen, antwortete er voller Verachtung: „Mach mir keine Vorschriften, du hast hier überhaupt nichts zu sagen, außerdem glauben sie dir Hinkebein gar nichts." Trotz dieser Warnung erzählte ich meinen Pflegeeltern die Geschichte. Edmund fing meine Lieblingskatze, fesselte sie mit einem Draht und schnitt ihr den Schwanz ab und legte sie in mein Zimmer. Ich wusste, nur er war dazu fähig. Ich hasste ihn.
Luise, Edmund und ich beendeten die Schulzeit mit dem Abitur. Katharina besuchte die Hauptschule, in der sie mehrere Klassen wiederholten musste, da ihr das Rechnen und Schreiben schwer fiel. Ihre Mutter nahm sie in Schutz. „Sie ist nicht dumm, nur ein wenig langsam."
Aber als Annerose klar wurde, dass Katharina nur einfache Hilfsarbeiten verrichten konnte, behielt meine Tante sie zu Hause, damit sie ihr zur Hand ging. Katharina war ein großes Kind, dass zweieinhalb Zentner wog. Meine Cousine Luise nützte die Zeit während ihres Studiums (eigentlich hatte sie vor, Lehrerin zu werden), vornehmlich dazu, sich einen Mann zu angeln. Schon als Teenager war ihr Lieblingsausspruch gewesen: „Ich heirate mal einen Zahnarzt." Die hübsche Luise litt nämlich unter einem einzigen Schönheitsfehler. Ihre Zähne standen schief. Als sie Joachim, einen aufstrebenden Zahnarzt und Kieferorthopäden heiratete, sanierte er als Hochzeitsgeschenk ihr Gebiss. Ab sofort bestand Luises Lebensinhalt darin, ein Fitness-Studio zu besuchen und Shoppen zu gehen. Joachim nannte sie „mein Baby", wahrscheinlich, weil sie keine Kinder hatten.
Ich war leider nicht so wohlansehnlich wie Luise. Meine Nase war zu spitz, ich hatte dünne Haare und in meinem Gesicht erhoben sich die Pickel während der Pubertät wie Streusel auf einem Kuchen. Mein Hinken wurde durch orthopädische Schuhe kaschiert.
Als meine Tante damals zu uns sagte: „Macht doch nicht so viel Gewese um euer Äußeres, es kommt nur auf den guten Charakter und die Intelligenz an", beruhigte das mich nicht wirklich, denn ich war der Auffassung, von den zwei Tugenden mehr als genug zu haben. Vermutlich hoffte Annerose, wenn ich ein glänzendes Abitur, ein Diplom oder einen Doktortitel vorweisen könnte, würde das den Ausgleich zu meinem wenig attraktivem Aussehen schaffen. Bis zum Doktortitel brachte ich es leider nicht, in meinem Beruf als Kultur-Redakteurin bei der Zeitung wäre der zwar manchmal zweckmäßig gewesen, aber nicht unbedingt erforderlich. Es war vor zehn Jahren gewesen, und ich blieb in meinen Urlaub zu Hause. Edmund hatte Semesterferien/ als ich meinen Cousin beobachtete und Zeugin eines furchtbaren Verbrechens wurde. Edmund leugnete alles/ stellte mich als Lügnerin und gehässiges Frauenzimmer hin, und seine Eltern glaubten ihm und nicht mir. Mein Onkel brüllte durchs Haus: „Das ist der Dank dafür, dass wir dich aufgenommen und wie ein eigenes Kind behandelt haben." Meine Tante weinte tagelang. Ich glaube, in ihrem Innersten wusste sie die Wahrheit, konnte sie aber nicht eingestehen. Damals vor zehn Jahren wurde Edmund ins Ausland verfrachtet, und gleich darauf warf mein Onkel mich aus dem Haus.
Vor einer Woche, ich war gerade mit dem Schreiben meines historischen Romans beschäftigt (ich glaube, ich schreibe Romane mit viel Herz und Schmerz als Ausgleich zu meinem fehlenden Liebesleben), hatte meine Tante mich angerufen. „Bitte komm! Wir haben am nächsten Samstag eine wichtige Familienbesprechung. Es geht um das Haus und das Grundstück. Schau mal, wir brauchen deine Zustimmung als Miterbin. Es ist alles vergeben und vergessen. Du trägst uns doch bestimmt nichts nach?"
Ich beschloss, die Reise einen Tag früher als vorgesehen zu machen, um in Tübingen zu recherchieren. Vor kurzem hatte ich ein Kriminalmuseum besucht. Seine Folterwerkzeuge riefen bei mir nicht solche Abscheu und Grauen hervor, wie jetzt die geplante Heimkehr.
Als ich ankam, stand Annerose in der gleißenden Mittagssonne vor der Haustür und begrüßte mich vorwurfsvoll: „Na endlich, wo bleibst du denn? Luise und Joachim sind schon da, wir wollen mit dem Essen anfangen." Sie sah mich genauer an und fragte: „Was ist denn mit deinen Haaren, trägst du jetzt eine Perücke? Und deine Nase sieht so anders aus! Hast du die operieren lassen?" Dann wischte sie sich die Hände an ihrer weißen Schürze ab und umarmte mich. Ich ließ es widerstrebend geschehen, ignorierte ihre Fragen und nuschelte etwas von viel Arbeit, Stress und Stau auf der Autobahn. Dann trat ich durch das Wohnzimmer hinaus in den Garten.
„Dein Onkel ist im Keller. Er holt noch Getränke, du magst doch Trollinger?", rief Tante Annerose mir hinterher und ging in die Küche, um fehlende Teller zu holen. Mir war klar, es würde noch eine Weile dauern, bis Georg aus den Tiefen des Gewölbekellers auftauchen und mich mit einer Alkoholfahne anhauchen würde. Katharina rief freudestrahlend: „ Pia! Pia!", dann trug sie schnaufend die dampfenden Schüsseln hinaus. Ich roch das Festtagsessen, die Hirnsuppe. Außerdem gab es Flussforellenterrine, Hasenbraten und als Nachtisch rote Grütze aus eigenem Obst, wie mir Katharina erzählte. Die Grütze krönte eine dicke Lage Schlagrahm. Auf einem kleinen Beistell-Tisch standen Birnenschnaps und dunkelvioletter Brombeerlikör, den meine Tante schon immer selbst ansetzte. Daneben waren der Gugelhupf und ein Apfelkuchen aufgetischt. In einem mit Wasser gefüllten Zinkeimer kühlten Bierflaschen der schwäbischen Staatsbrauerei. Nachdem Katharina das volle Tablett mit einem Seufzer abgestellt hatte, begrüßten wir uns. Katharina streichelte mich. Ihr Gesicht war vom Weinen verquollen. Irgendetwas war im Busch, das spürte ich sofort. Ich fragte sie, was mit ihr los sei. Sie erzählte mir, sie würde von Edmund fortgeschickt. Und dass die Gartenernte in diesem Jahr so schlecht wie noch nie gewesen sei, und im Februar der Neckar wieder über das Ufer getreten war. „Weißt du noch, so wie damals, als der Mann im Fluss verschwunden war?" Ich wunderte mich, Katharina wies manchmal ein erstaunlich gutes Gedächtnis auf, aber was meinte sie mit: Edmund würde sie fortschicken?
„Schon lange nicht mehr gesehen, wie geht's denn so?", fragte meine Cousine Luise spitz. Sie hielt sich dekorativ an der Lehne eines Stuhles fest. „Ich habe gehört - von wem denn bloß? - ach ist auch egal, du schreibst an einem Roman. Bringt das denn was ein? Oder ernährt dich dein Zeitungsjob?" Sie zupfte die schmalen Träger ihres Cardin-Kleides zurecht und wippte mit ihren zierlichen Füßen in den italienischen Sandaletten.
„Nun lass sie mal", beschwichtigte der gutmütige Joachim seine Frau. Joachim war runder geworden, kleine rote Äderchen überzogen seine Nase und die Wangen. Vor ihm stand eine Flasche Rotwein, die schon drei viertel leer war. Anscheinend hielt Joachim seine Ehe nur aus, wenn er genügend Trollinger in sich hineingeschlotzt hatte. „Ja, es ist schon lange her, dass wir uns gesehen haben", ließ sich hinter mir eine männliche Stimme vernehmen. Ich drehte mich um. Mit ihm hatte ich nicht gerechnet! Tante Annerose hatte mir am Telefon erzählt, Edmund würde nicht kommen, er sei im Ausland.
Tot wäre er mir lieber gewesen! Aber da stand er nun. Er war fett geworden. Sein Kopf war wie ein rot glühender Ballon mit glänzender Halbglatze/ an dem die restlichen Haare hinten zu einem neckischen Lagerfeld-Zopf zusammengebunden waren. Er trug einen schwarzen Designeranzug (es waren fünfunddreißig Grad im Schatten!). Mit seinem Outfit versuchte er wohl den Eindruck von Seriosität zu vermitteln. Aber mich täuschte er nicht. Mein Magen krampfte sich zusammen, mir wurde schwindlig und übel, und die Erinnerungen kamen hoch.
Es war im Frühjahr gewesen, damals vor zehn Jahren. Der Neckar hatte Hochwasser geführt, und wurde zu einem reißenden Strom, dessen Fluten alles mit sich rissen. Da habe ich Edmund beobachtet. Er stand etwa zwanzig Meter von mir entfernt, zwischen uns war ein Gestrüpp aus Brombeer- und Holunderhecken. Er hielt einen Obdachlosen, der trotz der Kälte am Fluss in einem Holzunterstand biwakiert hatte, von hinten fest und schnitt ihm mit dem Messer, das sonst zum Schlachten von Hasen und Hühnern benutzt wurde, die Kehle durch. Dann nahm Edmund die Beine des Mannes an den Füßen hoch, zog ihn zum Ufer und warf ihn in den Neckar.
Das Messer und der Schlafsack seines Opfers flogen in hohem Bogen hinterher. Dies geschah alles so schnell, dass mir keine Zeit blieb, meinen Cousin an seiner Tat zu hindern. Und wenn ich heute darüber nachdenke, wahrscheinlich hielt mich meine Angst zurück. Edmund bückte sich und wusch seine Hände gründlich mit Flusswasser ab, dann drehte er sich um, hob seinen Kopf und blickte suchend in die Runde. In diesem Moment kreuzten sich unsere Blicke. Mir war klar, dass auch er mich gesehen hatte. In panischem Entsetzten lief ich weg, so schnell wie ich mit meinem kaputten Bein überhaupt konnte. Nur weg, dies war mein einziger Wunsch gewesen.
Die Leiche, oder das was von ihr übriggeblieben war, wurde nach Wochen flussabwärts gefunden. Die polizeiliche Untersuchung artete zu einer Farce aus. Ich bin mir heute fast sicher, dass mein Onkel seine Beziehungen spielen ließ. Zu seinen Saufkumpanen gehörte auch der Polizeichef. Edmund wurde zum Studieren ins Ausland verfrachtet, und mich warf man hinaus.
Und nun stand Edmund vor mir und erklärte mir, ich sollte meinen Anteil vom Erbe an ihn abtreten. Es wäre sein gutes Recht, als einziger Sohn, das Ganze zu beanspruchen. Außerdem hätten Katharina, Luise und ich keine Kinder, denen wir etwas hinterlassen könnten. Er schwenkte eine Abtretungsurkunde vor meiner Nase hin und her und hielt mir sofort seinen goldenen Mont-Blanc-Füller hin, damit ich unterschrieb.
„Du hast doch auch keine Kinder, oder täusche ich mich da?", fuhr ich ihn an und schrie: „Für wie blöd haltet ihr mich denn, du und deine Familie? Ich weiß, was ihr vorhabt! Luise steckt bestimmt mit dir unter einer Decke, so raffgierig, wie ich sie kenne. Ich war auf dem Liegenschaftsamt. Hier soll ein Neubaugebiet hin. Das Grundstück ist Millionen wert. Nein, niemals werde ich meinen Anteil an dich überschreiben und glaube ja nicht, dass ich Angst vor dir habe." Ich zitterte, drehte mich um und wollte gehen. Tante Annerose hielt mich zurück. „Bleib, es ist doch noch nicht aller Tage Abend. Das Haus ist wirklich zu groß für uns drei und wir werden älter.
Edmund kauft uns in ein Seniorenheim ein. Aber das können wir alles nachher besprechen. Lass uns erst essen, es wäre doch schade um die ganze Arbeit." „Und was soll aus Katharina werden? Steckt ihr sie zu den Behinderten? Sie ist doch viel zu jung für ein Altersheim?", fragte ich wütend. Annerose schaute mich an. „Ach, Edmund will das so, was kann ich dagegen tun?", entgegnete sie verlegen und ich sah in ihren Augen noch etwas anderes. Angst! Sie hatte vor ihrem eigenen Sohn Angst!
Ich ließ mich überreden, zu Tisch zu gehen. Die Familie aß mit sichtlichem Vergnügen. Ich bekam keinen Bissen herunter. Onkel Georg schlürfte genießerisch ganz alleine die Hirnsuppe in sich hinein. Recht mutig fand ich, in Zeiten von BSE. Oder wurden Hasen nicht krank? Mir wurde vom Zusehen noch übler.
Das Gewitter, das sich schon den ganzen Tag durch drückende Schwüle angekündigt hatte, zog sich über dem Tal und dem Neckar zusammen. Es entlud sich einem kräftigen Sturm, der in peitschendem Regen, begleitet von taubeneigroßen Hagelkörnern endete. Mit lautem Geschrei und Gelächter hatte sich die Festgesellschaft, beladen mit Schüsseln, Tellern und Gläsern, ins Haus verzogen. Im allgemeinen Durcheinander und weinseliger Heiterkeit fiel es nicht auf, dass mich Edmund festhielt. „Ist das der Dank dafür, dass meine Eltern dich großgezogen haben?", zischte er mich an. „Lass mich in Ruhe, mit einem Mörder verhandele ich nicht!" Ich versuchte seine Hände wegzureißen, die wie Schraubzwingen meine Arme umklammerten. Er hielt mich fest und kam mit seinem Gesicht ganz nah zu dem meinen, sein Körper drängte sich an mich und ich roch trotz des teuren Aftershaves etwas Merkwürdiges an ihm. Unter dem Kastanienbaum regnete es jetzt durch die Krone und Blätter, aber ich bemerkte es kaum. Plötzlich ließ Edmund mich los und flüsterte mir ins Ohr: „Ich war damals sentimental und habe den Fehler gemacht, dich leben zu lassen! Noch einmal wiederhole ich diesen Fehler nicht, vielleicht sollte ich ihn korrigieren." Er lachte gehässig auf. „Hinkebein, dich wird niemand vermissen! Für manche Dinge ist es nie zu spät."
Wieder kam er mir bedrohlich nahe. Das war zu viel! Instinktiv griff ich hinter mich nach dem Tranchiermesser, das meine Tante auf dem Tisch liegen gelassen hatte, und rammte es Edmund in den Bauch. Ich sah, wie sein Gesicht sich in einem ungläubigen Staunen verzog, aus dem Mund kam ein gurgelndes Stöhnen, gleichzeitig umfasste er den Messershaft, um ihn herauszuziehen. Unter den Händen quoll das Blut hervor und verfärbte sein Hemd in einem Dunkelrot, fast wie die Farbe des Brombeerweins.
Ich weiß nicht mehr, wie ich in mein Auto gekommen war. Ich verriegelte die Türen, so als könne ich alles Unheil damit draußen lassen. Dunkelheit umgab mich. Wie durch einen Schleier sah ich, dass Sturzbäche von Regen an die Frontscheibe trommelten. Vor dem Unwetter war ich hier geschützt, aber nicht vor mir - diesem Monster. Meine Tante und Katharina hatte ich vor Edmund gerettet, aber nicht mich. Ich fühlte mich für immer verloren.
Tödliche Kehrwoche von Gudrun Weitbrecht (Hrsg.) Mit Beiträgen von Nessa Altura, Sabine Bohnet, Jürgen Ehiers, Maitina Fiess, Lilo Ulja Heimann, Silvija Hinzmann, Anita Konstandin, Tatjana Kruse, Sandra Lüpkes, Britt Reißmann, Niklaus Schmid, Peter Wark, Gudrun Weitbrecht 176 Seiten. Kartoniert. € 12,-/SFR 22,30 ISBN 978 3 8062 2126 8 Erschienen August 2007 im Konrad Theiss Verlag, Stuttgart.
Buchbeschreibung:
Im Hohenlohischen verkürzen Brezeln die Wartezeit auf den günstigsten Augenblick der Rache, denn die Schlossbesitzerin hat Mitleid mit dem Vieh, nicht mit dem neuen Nachbarn. In Esslingen tobt ein erbitterter Krieg um ein Maultaschenrezept und eine junge Winzerin erinnert der Geruch von Hutzelbrot an einen toten Säugling. In Stuttgart wird ein vergifteter Kartoffelsalat gesucht, die Liebhaberin amerikanischer Krimis schwört auf Linsen mit Spätzle, während ein schwäbischer Humphrey Bogart vorzeitig erben will.
Die echte Leiche in der Geisterbahn auf den Stuttgarter Wasen lässt gruseln und ein Gaisburger Marsch ist auch nicht mehr das, was er früher einmal war. In Herrenberg bietet ein Ochsenmaulsalat zwei älteren Damen die Gelegenheit, eine hohe Versicherungssumme zu kassieren und ein Topinambur-Gericht verführt zur Erpressung. In Friedrichshafen erfährt ein Mörder nach einem Rostbratenessen die ausgleichende Gerechtigkeit, während ein dilettantischer Trittbrettfahrer einen Meersburger Pizzabäcker erpresst. Das alte Bauernhaus in Breitenholz birgt ein schreckliches Geheimnis. Eine Heilbronner Bäckerin ist mordsmäßig erfinderisch und das Familienfest in Tübingen nimmt ein tödliches Ende.
Vierzehn Kurzkrimis aus der Feder von namhaften, vielfach preisgekrönten Autoren aus dem Lande enthält der neue Schwaben-Krimi. Nicht immer geschieht ein Mord, auch andere kriminelle Machenschaften sorgen gehörig für Suspense. Aber immer kommt eine schwäbische Spezialität und Eigenart darin vor und spielt mitunter eine tödliche Rolle.
Über die Herausgeberin:
Gudrun Weitbrecht, geboren in Hessen und im Rheinland aufgewachsen, lebt seit über 30 Jahren in Stuttgart und hat in eine urschwäbische Familie hineingeheiratet. Sie hat seit 2001 zahlreiche Kurzkrimis veröffentlicht und lehrt an Schulen kreatives Schreiben und Krimi-Schreiben.
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