Eine gute Sache beiderseits der Prag

Im Feuerbacher 2.hand-Kaufhaus Fairkauf finden Menschen und Dinge ihre neue Bestimmung

Und jenseits der Prag in Stuttgart-Nord, in der Second Hand-Boutique PragA, tun selbst Fehlkäufe noch Gutes. Gebraucht kaufen und Sinn stiften ist ganz klar das neue Schwarz.

Omas gutes Geschirr, das nett gemeintes aber leider doppeltes Weihnachtsgeschenk und das schicke Sofa, das nicht mehr in die neue Wohnung passt: Im Feuerbacher Fairkauf kriegt alles eine zweite Chance. Und ein Silberstreifen am Horizont ist das Sozialkaufhaus auch für langzeitarbeitslose Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten: Im Arbeitshilfeprojekt der Caritas finden sie Sinn und Struktur und auch Beratung, wenn der Weg zurück steinig ist.

Jenseits der Prag, in Stuttgart-Nord liegt dagegen die kleine Schwester des Fairkauf, die Second Hand Boutique PragA. Dort finden modische Fehlkäufe seit 2008 neue Besit-. Das ist einerseits gut für die Umwelt, andererseits führt die PragA Welten zusammen: Schnäppchenjägerinnen mit Ge-spür für Design treffen hier auf Langzeitarbeitslose und Flüchtlingsfrauen, die in der angeschlossenen Nähstube für das Label “Busy Bees” (etwa “Fleißige Bienchen”) nähen. Möglich macht es eine Kooperation der initiierenden Kirchengemeinde St. Georg und der Caritas. Sowie engagierten Menschen wie Petra Reichelt, Ansprechpartnerin für die Ehrenamtlichen, und Sprecher Wilfried Kremer, und nach eigener Aussage “Mädchen für alles” in der PragA. 

Zu tun gibt es viel: Im Moment sind es sechs Flüchtlingsfrauen, die neben dem Nähen ihre Sprachkenntnisse verbessern und mehr über die hiesigen Gepflogenheiten erfahren. Andererseits profitieren auch langzeitarbeitslose Frauen, die mit der PragA langfristig wieder in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert werden sollen. Wie Reichelt berichtet, sind derzeit drei der Projektplätze unbesetzt. Interessierte Frauen können über ihren Arbeitsvermittler Kontakt aufnehmen.

Was in der Nähstube unter der Überschrift “Busy Bees” entsteht, kann sich sehen lassen: Buchhüllen und Schlüsselbänder sowie Stofftaschen als stylischen Ersatz für die Plastiktüte. Sinnstiftend ist das im doppelten Sinn, denn zur Verwendung kommen dabei fast ausschließlich Kleidungsstücke, die sich in der Boutique oder im Sozialkaufhaus nicht verkaufen ließen. Ständig entwickelt das Team neue Ideen und präsentiert sie auch bei jeder Gelegenheit: “Die PragA ist kein Selbstläufer, da muss man schon aktiv werden”, weiß Petra Reichelt: “Ziel ist es, auch solche Men-schen herein zu holen, die sonst nie in eine Second Hand Boutique gehen”. 
In der PragA initiiert man daher auch eigene Veranstaltungen wie das Podiumsgespräch “Menschen im Schaufenster”. Und das Feuerbacher Sozialkaufhaus “Fairkauf” kooperiert seit einiger Zeit mit der Feuerbacher Theatergruppe “Komitee Komplett”, das mit sozialkritischen Inszenierungen zwischen Maloche und Migration vor Ort bereits einige Achtungserfolge feiern konnte. So mancher Gast hat sich dabei schon neu verliebt – in ein Möbelstück mit Geschichte oder in ein Vintage-Kleidungsstück mit Charme.

Und in der PragA haben so auch einige ihr neues Engagement gefunden: Einige Helferinnen kommen aus der Kirchengemeinde, andere waren zunächst Kundinnen der PragA und ließen sich begeistern: “Weil es einfach eine gute Sache ist”, sagt eine Ehrenamtliche aus Stammheim, die gerade ihren Dienst im Boutiqueverkauf versieht. Auch Nazife Mosawari wirbelt durch den Laden, sortiert, räumt ein und ist sichtlich mit Freude an der Arbeit: Sie stammt aus dem afghanischen Kabul und ist eine der Frauen des Arbeitshilfeprojekts. Als sie gefragt wird, was ihr in der PragA am besten gefällt, strahlt sie: “Alles!”


Info
Das 2.hand Kaufhaus Fairkauf, Steiermärker Straße 53, hat von Montag bis Freitag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. (Eventuell Links Fairkauf und Komitee Komplett). Die Second Hand Boutique PragA, Friedhofstraße 57/Ecke Heilbronner Straße, lädt dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags von 10 bis 20 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr zum Stöbern ein. Informationen gibt es hier: www.prag-a.de (Link)


Von Susanne Müller-Baji
Veröffentlicht am 16.09.2016