Prof. Dr.-Ing. Utz Gernot Baitinger führt und ent-führt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.
Im 2. Teil erzählt Utz Baitinger vom Gasthaus "Zum Hahnen", das es bis in die 60er in Feuerbach gab und in dem sich allerlei liebenswerte Originale trafen, um zusammen zu lachen, streiten, feiern... und zu trinken.
Viel Spaß beim lesen!
von Utz Baitinger
Sofie und Paul, ein gelernter Kupferschmied, betrieben in den 1930er Jahren in Feuerbach die Gastwirtschaft „Zum Hahnen“, das Wirtshausschild zeigte einen Gockel. Zu den Stammgästen zählte der Bäcker Steinhart, der es mit seinen Brezeln und Wecken zu etwas gebracht hatte. Auch der Friseur Engler gehörte dazu. Man nannte ihn „Scherlock“, weil er den Leuten die Locken scherte. Er war ein feiner Mensch, aber ein armer Schlucker. Sein Freund, der Bäcker, zahlte ihm stets die Zeche. Als einmal ein Bettler in die Gaststube kam und um eine milde Gabe bat, geriet er beim Bäcker Steinhart an den Richtigen: „Von mir kriegsch nix! I ko net 's Finanzamt verhalte ond de Scherlock verhalte ond di au noh verhalte.“
Der Bäcker war immer so kurz angebunden, um nicht zu sagen jähzornig, und er war bekannt für seine Eigenart, fast alles zweimal zu sagen. Eines Tages kaufte ihm seine Frau eine schöne Bleylesweste - und garnicht billig. Er zog sie nur einmal an und wurde gleich wütend: „Des isch jo a Metzgerswescht, a Metzgerswescht! I ben emmer noh Becker, emmer noh Becker!“ Mit einem Ruck zog er sie wieder aus und schmiss sie „em Jäscht“ ins Feuer seines Backofens. Die schöne, neue Bleylesweste!
Der dritte im Bunde war der Sattler Behr, eher klein geraten, aber stämmig und trinkfreudig, weshalb man ihn „Perkeo“ nannte, wie man ihn vom Heidelberger Fass her kennt. Als eines Tages ein Sangesbruder zu Grabe getragen wurde, sollte Perkeo den Kranz der Freunde mitbringen, aber er kam nicht. Man fand ihn zuhause. Er lag auf seinem Bett, sturzbetrunken, und schlief seinen Rausch aus. Am Bettpfosten hing der Kranz. „Ruhe sanft“ stand auf der Schleife.
Sofie, die „Hahnenwirtin“, war nicht nur in Feuerbach bekannt für ihren Rostbraten und für ihre resolute Offenheit. Es war noch in den 1930er Jahren, als ein „Goldfasan“, ein SA-Führer in voller Montur, den „Hahnen“ betrat und das teuerste Gericht bestellte - Spargel mit allem Drum und Dran - und zwar lautstark, damit es auch alle mitbekamen. Solange er aß, wetterte er lauthals über „die schwäbischen Liberalen, Lumpen und Demokraten“. Jetzt reichte es der Hahnenwirtin, sie baute sich vor ihm auf: „Mein Mann war immer ein aufrechter und anständiger Demokrat. Und außerdem han i Ihne die Spargel net ‘bracht, damit Sie d‘ Köpf‘ wegschneidet.“
Zum Autor
Prof. Dr.-Ing Utz Gernot Baitinger wurde 1938 in Stuttgart geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Feuerbach, über die er noch immer gerne berichtet. Nach dem Abitur in Frankfurt/Main studierte er Elektrotechnik an der Universität Stuttgart, wo er am Institut für Halbleitertechnik zum Dr.-Ing. promoviert wurde. Er arbeitete als Chief Scientist bei IBM in Böblingen, Zürich, Nizza, Paris und New York. Er war maßgeblich beteiligt an technischen Innovationen, wie den ersten Speicher-Chips und Mikroprozessoren, die unsere heutigen Handys, Tablets und das Internet erst ermöglicht haben. Er wurde von der Fakultät Elektrotechnik der Universität Karlsruhe und von der Fakultät Informatik der Universität Stuttgart zum Professor berufen. In Zusammenarbeit mit IBM gestaltete er den pädagogisch unterhaltsamen Spielfilm „Der größte und langsamste Computer der Welt“.
Hier geht's zum 1. Teil: "Von Küfern und Wengertern"