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Die Stuttgarter Strasse mit der Alten Apotheke zu Feuerbach um 1920. Foto: Archiv Rieker
Utz Gernot Baitinger führt und ent-führt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.
Im 3. Teil erzählt Prof. Dr.-Ing. Utz Baitinger von einem amüsanten Vorfall aus seiner Kindheit in Zusammenhang mit der Alten Apotheke, dessen unfreiwillige Komik wahrscheinlich auch den Sketchen eines Loriot oder Heinz Erhardt in nichts nachgestanden hätte.
Viel Spaß beim lesen!
Von Utz Gernot Baitinger
Für die Schule war ich noch zu klein, doch die Mutter schickte mich schon zu allerlei Besorgungen los. Brezeln kaufen, Milch holen oder auch mal frische Leberwurst. Einmal sollte ich Augensalbe besorgen, in der Alten Apotheke, das war weit. Zuerst zum Karlsplatz, wie die alten Feuerbächer den Platz vor ihrem Rathaus nannten, dann die Grazer Straße entlang bis zur zweiten Querstraße und schließlich waren noch fünf steinerne Stufen zu erklimmen, hinauf in die Alte Apotheke.
Der Apotheker schmierte ein wenig gelbe Salbe in einen kleinen gläsernen Tiegel, den ich vorsichtig entgegennahm. Vorsichtig stieg ich die steile, schmale Steintreppe hinunter, vorsichtig ging ich die Grazer Straße zurück, immer den kostbaren Tiegel mit beiden Händen fest haltend und fest im Blick. Auf dem Karlsplatz bin ich gestolpert und hingefallen - der Tiegel zersprang! Mit den Scherben in der Hand ging ich zurück zur Alten Apotheke, übertriebene Vorsicht war jetzt nicht mehr nötig.
Der Apotheker war so freundlich, nochmal ein wenig gelbe Salbe in einen kleinen gläsernen Tiegel zu schmieren, den ich wieder vorsichtig in beide Hände nahm. Doch jetzt fiel ich gleich die steile, schmale Steintreppe hinunter und der Tiegel war hin. So waren es wenigstens nur ein paar Schritte zurück in die Alte Apotheke.
Der Apotheker war noch immer verständnisvoll, denn er schmierte zum dritten Mal ein wenig gelbe Salbe in einen kleinen gläsernen Tiegel, den ich wieder vorsichtig entgegennahm. Um es kurz zu machen: ich schaffte es tatsächlich bis in unser Haus, noch lag die Treppe in den ersten Stock vor mir, die war ich noch nie hinunter gefallen. Aber jetzt fiel ich sie hinauf und der Tiegel war hin. Unverdrossen wanderte ich mit den Scherben in der Hand zur Alten Apotheke, der Weg war mir inzwischen sehr vertraut. Doch der Apotheker lehnte ab: „So oft kann ich die Augensalbe nicht ersetzen.“
Zuhause wartete mein kleiner Bruder entzündeten Auges auf Salbe, und so brachte ich zwar keinen Glastiegel mit gelber Salbe nach Hause, aber immerhin gelbe Salbe mit Glasscherben. Unsere Mutter las die kleinen Splitter so gut es ging heraus, dann schmierte sie das Zeug dem armen Tropf ins Aug’.
Zum Autor
Prof. Dr.-Ing Utz Gernot Baitinger wurde 1938 in Stuttgart geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Feuerbach, über die er noch immer gerne berichtet. Nach dem Abitur in Frankfurt/Main studierte er Elektrotechnik an der Universität Stuttgart, wo er am Institut für Halbleitertechnik zum Dr.-Ing. promoviert wurde. Er arbeitete als Chief Scientist bei IBM in Böblingen, Zürich, Nizza, Paris und New York. Er war maßgeblich beteiligt an technischen Innovationen, wie den ersten Speicher-Chips und Mikroprozessoren, die unsere heutigen Handys, Tablets und das Internet erst ermöglicht haben. Er wurde von der Fakultät Elektrotechnik der Universität Karlsruhe und von der Fakultät Informatik der Universität Stuttgart zum Professor berufen. In Zusammenarbeit mit IBM gestaltete er den pädagogisch unterhaltsamen Spielfilm „Der größte und langsamste Computer der Welt“.