'ZEITREISE INS DAMALS' – EIN ALTER FEUERBÄCHER ERINNERT SICH; TEIL 4:

Ein doppeltes Unglück in einer unbedeutenden Straße

Bild 1 von 1: "Unser Haus in Feuerbach" - original Zeichnung des jungen Utz Baitinger von 1945

Utz Gernot Baitinger führt und ent-führt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.

Man sollte meinen, dass im Schicksalsjahr 1943 – nach Russlandfeldzugskatastrophe, intensiver werdenden Luftangriffen und einer sich breitmachenden Endzeitstimmung – jedes Unglück irgendwie mit dem Krieg in Zusammenhang stehen würde... es gab aber auch tragische Vorfälle im Alltag.

Im 4. Teil erzählt Prof. Dr.-Ing. Utz Baitinger von einem solchen - besonders tragischen - Vorfall aus seiner Kindheit aus dem Jahr 1943 in Feuerbach.


Eine unbedeutende Straße

Von Utz Baitinger

Es geschah an einem Sonntag im November 1943, nach den ersten schweren Bombenangriffen auf Stuttgart. Unser Haus stand in einer ruhigen Nebenstraße in Feuerbach. Ich wohnte mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder im ersten Stock, im Parterre lebte unsere Oma, bei ihr die junge, noch unverheiratete Tante Erna, und oben hauste in seiner Bude Onkel Herbert, noch unselbstständiger Jüngling.
Am frühen Morgen klingelte es bei uns Sturm! Meine Mutter rannte zur Wohnungstür, auch ich schreckte hoch und rannte hinterher. Vor der Tür erkannte ich Onkel Herbert, völlig in Tränen aufgelöst, er zappelte, heulte und schrie ganz verzweifelt: „Mama ist tot! Mama ist tot!“ Wir gingen sofort mit ihm hinunter, um nach Oma zu sehen. Sie lag ganz still in ihrem Doppelbett, neben ihr wie immer Tante Erna, sie schien noch zu schlafen. Meine Mutter rüttelte sie, um sie zu wecken und ihr zu sagen, dass Oma tot sei. Plötzlich schrie sie auf: „Die ist ja auch tot!“ Und an mich gewandt, tonlos: „Hol' die Polizei!“
Warum ich? Nun, die Männer waren alle im Krieg, Onkel Herbert völlig von Sinnen und ich war ihr Großer, wenn auch erst fünf Jahre alt. Sofort machte ich mich auf den Weg. Ich musste nur halb um unsern Häuserblock rennen und schon stand ich vor dem Rathaus. Bisher hatte ich gewaltigen Respekt vor Polizisten; wenn sie mir begegneten, sah ich möglichst unauffällig zu Boden. Aber jetzt hatte ich einen wichtigen Auftrag zu erfüllen und das erfüllte wiederum mich mit Stolz. Also betrat ich ohne zu zögern die Polizeiwache.
Den zwei Schupos meldete ich pflichtbewusst: „Meine Oma ist tot.“ Keine Reaktion. „Und meine Tante Erna auch.“ Beide erhoben sich: „Junge, sag das nochmal!“ Ich wiederholte es. „Und wo soll das sein?“ Ich sagte es. Die Schupos setzten ihre Tschakos auf - jetzt kam ich mir ganz wichtig vor! Sie kamen zu mir her und ich, der Fünfjährige, führte beide ab wie eine Eskorte zu mir nach Hause.
Meine Mutter hatte inzwischen alle Fenster weit geöffnet, weil sie Gasgeruch bemerkt hatte. Wenig später kamen die Männer von den Technischen Werken, steckten Sonden in die Ritzen des Riemenbodens, füllten ihre Ballone und bestätigten den Austritt von Stadtgas. Das Haus hätte auch explodieren können.
Da hörte man schon vor den Fenstern die Presslufthämmer rattern, die starken Männer suchten fieberhaft das Leck in der Stadtgasleitung. Sie ratterten den ganzen Tag, Sonntag hin oder her. Sie hatten die Gasleitung bald auch vor dem Nachbarhaus freigelegt, ohne ein Leck zu finden. Als es dunkel wurde, stellten sie Lampen auf und gruben bei Scheinwerferlicht weiter. Der Graben ging bald die ganze Straße entlang, bis sie das Leck endlich fanden. Es lag drei Häuser weiter; das giftige Gas war durch das Erdreich gedrungen, an mehreren Häusern entlang, erst bei uns war es ins Haus geströmt und hatte meiner Oma und Tante Erna den Tod gebracht. Sie wollte in wenigen Tagen heiraten.
Nach und nach trafen die Männer ein, mein Vater, meine Onkel. Sie hatten Urlaub bekommen vom Militär und meinten bis zuletzt, sie kämen zu einer Hochzeit. Auch der Bräutigam, ein junger Offizier, kam endlich an, froh, dem Krieg für einige Zeit entronnen zu sein, und völlig ahnungslos, was passiert war. Die Ereignisse der folgenden Nacht verschlief ich; später erfuhr ich vom Hörensagen: Einer meiner Onkel brachte in großer Sorge die Dienstpistole des Bräutigams an sich, entfernte alle Patronen daraus und steckte sie unauffällig wieder zurück.
Statt einer Hochzeit fand eine Beerdigung statt. Oma war Witwe, als sie starb; ich kannte sie nur im schwarzen Kleid. Tante Erna starb mit zweiundzwanzig Jahren. Sie wurde in ihrem Hochzeitskleid bestattet


Zum Autor
Prof. Dr.-Ing Utz Gernot Baitinger wurde 1938 in Stuttgart geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Feuerbach, über die er noch immer gerne berichtet. Nach dem Abitur in Frankfurt/Main studierte er Elektrotechnik an der Universität Stuttgart, wo er am Institut für Halbleitertechnik zum Dr.-Ing. promoviert wurde. Er arbeitete als Chief Scientist bei IBM in Böblingen, Zürich, Nizza, Paris und New York. Er war maßgeblich beteiligt an technischen Innovationen, wie den ersten Speicher-Chips und Mikroprozessoren, die unsere heutigen Handys, Tablets und das Internet erst ermöglicht haben. Er wurde von der Fakultät Elektrotechnik der Universität Karlsruhe und von der Fakultät Informatik der Universität Stuttgart zum Professor berufen. In Zusammenarbeit mit IBM gestaltete er den pädagogisch unterhaltsamen Spielfilm „Der größte und langsamste Computer der Welt“.



Hier geht's zum 1. Teil: "Von Küfern und Wengertern" ,
zum 2. Teil: "Die Gastwirtschaft "Zum Hahnen"
und zum 3. Teil "Die Augensalbe" - oder: Als sogar der geduldigste Apotheker kein Auge mehr zudrücken wollte..."

Veröffentlicht am 05.09.2025