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Damals nur eine kleine Kinderzeichnung auf einem zerknitterten Blatt, heute ein Zeitzeugnis mit Mahncharakter: Eine original Zeichnung des jungen Utz Baitinger aus der Zeit der Luftangriffe auf Feuerbach.
Utz Gernot Baitinger führt und ent-führt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.
Im 5. Teil erzählt Prof. Dr.-Ing. Utz Baitinger von dem ab Anfang der 40er Jahre fast schon alltäglichen gewordenen Horror der Luftangriffe auf Stuttgart, die ab 1942 auch Feuerbach, und hier insbesondere die Bosch-Werke, mit zerstörerischer Wucht trafen, und wie er diese Zeit persönlich als junger Bub miterlebt hat.
Von Utz Baitinger
Wir heißen Utz und Udo und wir sind richtige Vettern. Udos Vater, mein Onkel Gust, geriet damals in Russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst zehn Jahre nach Kriegsende wiederkommen sollte. Udo war in Karlsruhe zuhause, das wenige Wochen zuvor von Bombern angegriffen worden war. Seine Mutter brachte ihn für ein paar Tage zu uns nach Feuerbach, wo wir aber auch schon Bombenangriffe erlebt hatten.
Wir liefen den ganzen Tag barfuß herum, suchten Blindgänger und sammelten Bombensplitter, bis wir völlig verdreckt nach Hause kamen. Dann steckte uns meine Mutter in einen blechernen Waschzuber, der mitten in der Küche stand. Eigentlich wollten wir nicht baden - Wasser im Gesicht, pfui! Doch sie drohte uns mit dem „Führer“, der wolle, dass wir baden. Wie er und ohne Widerrede!
Als wir einmal im Hof spielten, hörten wir das ferne Brummen von Flugzeugmotoren. Es wurde immer lauter und lauter und schließlich bedrohlich. Unvermittelt sahen wir’s hoch in der hellen, klaren Luft ein paarmal aufblitzen und kleine weiße Wölkchen in den blauen Himmel tupfen, gleich danach folgte jedem Wölkchen ein kurzer trockener Knall. Das war die „Flak“, die Fliegerabwehrkanone, die auf dem Flachdach der Feuerwache stand. Und schon sahen wir ein getroffenes Flugzeug dem Horizont zustürzen, mit einer schwarzen Rauchfahne, die über den halben Himmel ging. Da erst entdeckten wir hoch droben den kleinen grauen Fallschirm, an dem ein winziger Pilot baumelte.
Nachts heulten die Sirenen. Als wir die grell aufleuchtenden Lichtpunkte sahen, die wie Christbäume am Nachthimmel schwebten, um das Abwurfgebiet zu markieren, da verschwanden wir im Keller. Dann fielen die Bomben. Es pfiff, heulte und krachte, bitte hört auf!, aber es wollte nicht enden und wir zitterten vor Angst.
Als Udo von seiner Mutter wieder abgeholt wurde, seufzte er: „Ach Mutti, jeden Tag baden!“
Zum Autor
Prof. Dr.-Ing Utz Gernot Baitinger wurde 1938 in Stuttgart geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Feuerbach, über die er noch immer gerne berichtet. Nach dem Abitur in Frankfurt/Main studierte er Elektrotechnik an der Universität Stuttgart, wo er am Institut für Halbleitertechnik zum Dr.-Ing. promoviert wurde. Er arbeitete als Chief Scientist bei IBM in Böblingen, Zürich, Nizza, Paris und New York. Er war maßgeblich beteiligt an technischen Innovationen, wie den ersten Speicher-Chips und Mikroprozessoren, die unsere heutigen Handys, Tablets und das Internet erst ermöglicht haben. Er wurde von der Fakultät Elektrotechnik der Universität Karlsruhe und von der Fakultät Informatik der Universität Stuttgart zum Professor berufen. In Zusammenarbeit mit IBM gestaltete er den pädagogisch unterhaltsamen Spielfilm „Der größte und langsamste Computer der Welt“.