Geschichten aus der Geschichte – Teil 15: Von Leichensägerinnen, dem Büttel und der "Geesmarie"

Als ein (sprichwörtlich) großer König sonderbare Jobs in Feuerbach schuf

Das berühmte Foto der Bild 1 von 1: Das berühmte Foto der "Wette" von 1889, das auch als gemaltes Fresko-Wandbild aus dem abgerissenen Schoch-Areal erhalten geblieben ist, zeigt eine damalige Tränke an der heutigen Ecke Dieterle- und Mühlstrasse und gilt als eines der ältesten überlieferten Fotografien Feuerbachs. Es vermittelt einen guten Eindruck einer sogenannten "Geesmarie", die sich um die Gänse kümmert, auch wenn das Mädchen auf dem Foto nicht mehr diese 'Berufsbezeichnung' getragen hat. Dieses Mädchen hieß übrigens Klara Wohlfahrt, war auf dem Foto 18 Jahre alt und sollte in ihrem bewegten Leben noch nach London und schließlich nach Australien auswandern. Foto: Archiv Walter Rieker

Nach dem Absolutismus hatte Napoleon bei seinen Eroberungszügen durch Europa immer auch die neuen Ideen der Französischen Revolution - Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit - im Gepäck. Zwar eher als Mittel zum Zweck seiner Herrschaftspolitik denn eines reinen Idealismus, stellten sie schließlich dennoch eine auf längere Sicht konstruktive Saat dar, die in Europa nach und nach aufgehen sollte.

Friedrich I., der erste König des 1806 von Napoleon zum Königreich erhobenen ehemaligen Herzogtums Württemberg, ist im kollektiven Gedächtnis eher wegen eines einzigen Satzes in Erinnerung geblieben, der dem 'kleinen großen' Kaiser der Franzosen zugeschrieben wurde: "Gott hat ihn geschaffen, um die Dehnbarkeit der menschlichen Haut zu demonstrieren." Damit zielte Napoleon auf die Leibesfülle und Körpergröße dieses großen und fülligen Mannes ab.
Ganz nebenbei jedoch hat Friedrich als erster Württembergischer Monarch einiges geschafft und einiges geschaffen - unter anderem die Re-Organisation und Effizienzsteigerung des "early Ländle" nach Zeiten der Kleinstaaterei - und somit auch neue Jobs. Darunter auch skurrile Jobs. Auch in Feuerbach. Wie etwa die der "Leichensägerin" oder der "Geesmarie". Auch die Position des "Büttel" wurde von ihm eingeführt - ein Begriff, der laut Jürgen Kaiser, der selber zu feierlichen Anlässen immer wieder als "Büttel von Feuerbach" unterhaltsame und kurzweilige Stadtführungen anbietet, mit dem Englischen Wort "Butler" verwandt ist.

Was es damit auf sich hat, erzählt der Feuerbacher Historiker und Buchautor Jürgen Kaiser im Rahmen des 950-jährigen Jubiläumsjahres hier im 15. Teil unserer Reihe "Geschichten aus der Geschichte Feuerbachs" - viel Spaß beim Lesen!


Organisation im Dorf – Königreich Württemberg

Ab 1806 war Württemberg Königreich und wurde von König Friedrich I. (hinter seinem Rücken „der dicke Friedrich“ genannt) mit straffer Hand geführt. Das war auch notwendig, brauchte Württemberg eine einheitliche Verwaltung im neuen gemeinsamen Staatsgebiet. Jede Freie Reichsstadt (wie Esslingen, Ulm und Reutlingen) etwa, jede noch so kleine Ritterschaft, daneben Hohenlohe, Oberschwaben, Vorderösterreich (Rottenburg am Neckar), hatten ihre eigenen Gewichte und Maße. Bis hinein in jedes Dorf mussten die neuen Gesetze und Bestimmungen verkündigt werden.

So wurde auch in Feuerbach 1807 das Amt des Büttels eingeführt, der an bestimmten Plätzen die Nachrichten „von oben“ aus dem Rathaus bekanntzugeben hatte. Vorbild war das Amt des Boten des mittelalterlichen Abtes eines Klosters. Pedellus genannt. Die Preußen machten daraus den Pedell, also den Hausmeister eines Humanistischen Gymnasiums, die Engländer schufen damit den Butler, die Schwaben den Büttel.

In jedem Dorf gab es noch das Amt der „Geesmarie“. So genannt in jedem Dorf, egal wie der richtige Name war. Das war die Arbeit für eine leicht behinderte junge Frau, die jeden Morgen durchs Dorf ging und mit einem Pfiff die Gänse und Enten der Bauern einsammelte, sie zum Dorf und Feuerwehrlöschteich trieb und abends wieder zurück. Geizige Entenbesitzer kniffen vorher ihren Enten in den Hintern, um zu überprüfen ob darin ein noch nicht gelegtes Ei verborgen sei. Denn wer ein Ei auf der Straße fand, durfte es behalten. Deshalb nennt man in Schwaben einen Geizhals einen „Entenklemmer“.

Unter Witwen sehr begehrt war das Amt der „Leichensägerin“. Die hat keine Leichen zersägt, sondern eine „Leich angesagt“ – verkündigte also die Todesfälle im Dorf, wann die Beerdigung wäre und die Reihenfolge der Trauernden beim Beerdigungsgang hinter dem Sarg. Daraus konnte man auf die Erbfolge schließen. Der Clou: sie war sehr schweigsam, erzählte nur das Nötigste (also nur Name und Beerdigungstermin) und trug einen leeren Korb mit sich. Je mehr der gefüllt wurde, umso redseliger wurde sie. Wer auch noch die Krankheitsgeschichte und die Todesursachen wissen wollte, musste eben viel mit Naturalien bezahlen.


Von Jürgen Kaiser
(Fortsetzung folgt)



Hinweis: wer mehr wissen will, dem sei das Buch „Feuerbach“ von Jörg Kurz empfohlen. Erschienen im Hampp-Verlag und unter der ISBN erhältlich: ISBN 978-3-942561-06-8

Hier geht's zur Reihe GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE FEUERBACHS mit weiteren interessanten "Stories zur History" Feuerbachs!


Veröffentlicht am 30.11.2025