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Walter Rieker 2022 mit einem Abzug seines Lieblingsfotos, der legendären 'Wette' von 1889. Foto: FeuerbachGO
Seine legendäre Sammelleidenschaft entwickelte sich zum Bildergedächtnis für den gesamten Stadtbezirk und zu einem der umfangreichsten privaten historischen Archive der Stadt Stuttgart. Wie seine Familie nun mitgeteilt hat, ist Walter Rieker am 23.11. im Alter von 90 Jahren verstorben.
Die Sammelleidenschaft wurde ihm schon durch seine Familie in die Wiege gelegt und so begann Walter Rieker schon in jungen Jahren, historische Ansichten von Feuerbach zusammenzutragen. Wir haben bereits 2022 einen ausführlichen Portrait-Artikel über dieses Feuerbacher "Urgestein", das sich für den Bezirk und seine Menschen auch abseits der Fotografien in vielfältiger Weise engagiert hat, in unserer Stadtteilzeitung FeuerbachGO veröffentlicht, welchen wir Ihnen hier nun noch einmal ans Herz legen möchten:
Ein Foto einer jungen Frau und einiger kleiner Kinder, aufgenommen 1890 an der Feuerbacher Wette: Walter Rieker war fasziniert, denn die Aufnahme zeigt auch das elterliche Haus. Er wollte mehr darüber wissen, lieh sich das Foto aus und ließ einen Abzug davon anfertigen. Es war der Beginn einer großen Sammelleidenschaft.
Heute ist Walter Rieker eine wahre Fundgrube an Wissen über den alten Flecken – und er ist quasi der Hüter der historischen Stadtansichten Feuerbachs. Ob Fotos von der Stadterhebung 1907 oder vom Besuch des Königs zur Gewerbe- und Handelsausstellung im Jahr 1912 – dank der Initiative des heute 85-Jährigen sind die Einblicke in das Feuerbacher Leben erhalten geblieben. Für den ersten Abzug hatte er 6,50 Mark bezahlen müssen. „Damals war das sehr viel Geld. Aber es hat auch geheißen, ab sechs Abzügen wird es günstiger”, erzählt er. Also hörte er sich um, ob noch jemand spannende alte Ansichten hatte.
Und dann spielte natürlich auch eine Rolle, dass schon sein Vater die Altmaterialsammlung am Ort betrieben hatte: Ob nun Altmetall oder auch Altpapier – der Familienbetrieb sammelte Wiederverwertbares und brachte es zu den jeweiligen Abgabestellen: „Was für Bücher da weggeworfen wurden”, erinnert sich Rieker mit Kopfschütteln: „zum Teil mit Ledereinband, schöne Bücher, es war Irrsinn!” Und als die Feuerbacher erst einmal Wind von Riekers Sammelleidenschaft bekamen, flogen ihm die Fotos praktisch zu: „Die Leute konnten sich gar nicht vorstellen, dass jemand sich für das alte Zeugs interessiert.”
Doch Walter Rieker kennt auch die Begebenheiten dahinter: Wie der König zur Gewerbe- und Handelsausstellung anreiste und dann von einem insistierenden Bittsteller so abgelenkt wurde, dass aus dem bereits vorbereiteten Imbiss nichts mehr wurde. Überhaupt: Um die Festhalle gab es damals nur Felder, den Festplatz zierten Pavillons und eigens angelegte Grünanlagen und zum gebührenden Abschluss ließ man einen Fesselballon aufsteigen. So war das damals, als Feuerbach gerade Stadtstatus erhalten hatte.
„Was mir alles im Kopf rumgeht!”, ruft Walter Rieker ein ums andere Mal und erzählt schon wieder die nächste Anekdote aus der bewegten Feuerbacher Geschichte. Eigentlich würde er die Aufnahmen gerne ordnen und genau verorten, sagt er: Aber er komme einfach nicht dazu – auch nicht mit der Hilfe von Jüngeren. „Das bringt nichts: Wenn die so ein Foto anschauen, das sagt denen doch gar nichts. Und dann muss ich doch wieder erklären, wo das ist und wer die Leute darauf sind.”
Zu der jungen Frau auf seinem allerersten Foto, das bis heute seine Lieblingsaufnahme geblieben ist, hat er einiges in Erfahrung bringen können. Sie sei unehelich geboren worden und deshalb nie richtig von der damaligen Dorfgemeinschaft aufgenommen worden, erzählt er. Vielleicht zog es sie deshalb in die weite Welt hinaus: Über eine Anstellung in London habe ihr Lebensweg bis nach Australien geführt. So isch’s no au wieder.
(Aus "FeuerbachGO" 03/11.02.2022)
