'ZEITREISE INS DAMALS' – EIN ALTER FEUERBÄCHER ERINNERT SICH; TEIL 7:

Als die Bosch-Werke "gemeint" waren und das Gymnasium die Zerstörung abbekam

Der alte Bonatz-Bau des Feuerbacher Gymnasiums in einer Abbildung aus dem Jahr 1912. Im Krieg wurde der Bau zwar nicht vollständig zerstört, die drei Giebel jedoch haben ihn nicht überlebt. Foto: Archiv Rieker Bild 1 von 1: Der alte Bonatz-Bau des Feuerbacher Gymnasiums in einer Abbildung aus dem Jahr 1912. Im Krieg wurde der Bau zwar nicht vollständig zerstört, die drei Giebel jedoch haben ihn nicht überlebt. Foto: Archiv Rieker

Utz Gernot Baitinger führt und ent-führt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.

Diesmal geht es um den sogenannten "Bonatz-Bau" des heutigen "Neuen Gymnasiums Leibniz" mit seinen charakteristischen drei Giebeln (die Bezeichnung "Bonatz-Bau" tragen in Stuttgart zahlreiche Gebäude, die vom berühmten Stuttgarter Architekten Paul Bonatz entworfen wurden - allen voran der Stuttgarter Hauptbahnhof).
Diese Giebel, samt dazugehöriger Fassade, sind nicht ganz so alt, wie es dem Betrachter erscheinen will - das Gebäude wurde 1944 im Stuttgarter Bombenkrieg stark beschädigt und danach wieder neu aufgebaut. Die nahen Bosch-Werke waren ein erklärtes Angriffsziel der alliierten Bomberflotten, doch die damals noch ungesteuert niederfallenden Bomben trafen recht ungenau. Deshalb muss der Angriff auf das Feuerbacher Gymnasium wohl als einer der unzähligen dramatischen Kollateralschäden des Krieges verbucht werden.

Im 7. Teil der Reihe erzählt Prof. Dr.-Ing. Utz Baitinger eindrücklich aus dem Kriegs-Alltag auf dem Höhepunkt des Bombenkriegs, der seit dem Winter 1944 auch Feuerbach mit voller Wucht traf - vom Gefühl des Ausgeliefertseins im Schutzkeller während der Angriffe... und davon, dass man noch von Glück sprechen konnte, wenn das eigene Haus "nur" einen grossen Riss in der Mitte und zerstörte Fenster abbekommen hatte, weiterhin jedoch einigermaßen bewohnbar geblieben ist.

Die Luftmine


Es geschah am 15. März 1944, mitten im Bombenkrieg. Eine Luftmine mit bis dahin ungekannter Sprengkraft traf den Bonatz-Bau des Gymnasiums zu Feuerbach, nur wenige hundert Meter vom Stammwerk der Firma Bosch entfernt und nur einen Steinwurf weit von unserem Wohnhaus.

Wir saßen alle im Keller unseres Hauses, der ein einfacher Vorratskeller war und alles andere als ein bombensicherer Bunker. Ängstlich bedrücktes Warten machte sich breit. Jäh ein ohrenbetäubend unerbittliches Heulen, Pfeifen und Krachen! Mitten im Getöse ein harter Doppelschlag, der unser ganzes Haus erst anhob und dann wieder zusammensacken ließ. Es schmerzte stechend in den Ohren. Da war ganz in der Nähe eine gewaltige Bombe eingeschlagen! Unsere Mutter, die bis dahin uns Kindern gegenüber immer die Ruhe bewahrt hatte, schrie auf: „Mir reicht’s jetzt!“ Wir konnten sie nur mit Mühe zurückhalten, ins Freie und damit direkt in den Angriff zu laufen.

Als die Sirene auf dem Dach der Bismarckschule mit einem scheußlichen Dauerton „Entwarnung“ gab, wagten wir uns hinauf in unsere Wohnung. Alle Fensterscheiben waren geborsten, die Vorhänge lagen mitsamt den Vorhangschienen mitten im Wohnzimmer, im Schlafzimmer der gleiche Anblick. In der ganzen Wohnung lagen Schutt und Scherben verstreut, in allen Zimmern verlief ringsum ein tiefer, zentimeterbreiter Spalt, weil das ganze Haus kurz angehoben worden war. Immerhin war es noch bewohnbar.

Die Erwachsenen sprachen sofort von einer verheerenden Luftmine. Es war allen klar, dass sie den Boschwerken gegolten hatte, doch sie traf unser Gymnasium. Es war wegen der Bombenangriffe bereits evakuiert worden. Jetzt waren die drei charakteristisch geschwungenen Giebel des Bonatz-Baus weggesprengt. Man hat sie später mit Ziegelsteinen von anderen Häuserruinen wieder hochgemauert.
Die Trümmer brachte man wie viele andere auch auf den Gipfel des Birkenkopfs, heute ein Schuttberg und Stuttgarts höchste Erhebung. Man kann einige Steinmetzarbeiten von der Fassade des Bonatz-Baus noch immer dort oben liegen sehen.

Von Utz Baitinger



INFO:


Die alliierte Luftkriegsführung verfolgte in Stuttgart klare primäre Ziele (große Industriewerke, Verkehrsknoten). Historische Quellen zeigen, dass Bosch- und Daimler-Werke oft Ziel von Angriffen waren. Viele Bomben fielen jedoch in groß angelegten, teilweise flächigen Angriffen, bei denen Treffer auf zivile oder nachbarschaftliche Gebäude (Schulen, Wohnhäuser) häufig und teils ungewollt waren. Daraus lässt sich schlussfolgern: Wahrscheinlich waren Industrieanlagen (z. B. Bosch) das beabsichtigte Ziel; Schulen und andere Gebäude in der Nähe konnten dabei getroffen werden — meist als Folge der Streuung/Unschärfe bei Luftangriffen, nicht weil die Piloten gezielt die Schule anflogen.

Bombardement:
Die erste Angriffsserie vom Juli 1944 begann am 25. Juli und endete am 29. Juli 1944. Das Zielgebiet der Angriffe auf Stuttgart stellte im Wesentlichen das dichtbesiedelte Stadtzentrum in der Talkessellage – insbesondere die mittelalterliche Altstadt – dar. Das Bombardement lief meist wie folgt ab: Zuerst wurden tausende Sprengbomben sowie mehrere hundert Luftminen abgeworfen. Durch die Druckwellen der Explosionen wurden die Dächer aufgerissen. Danach wurden tausende Elektron-Thermitstäbe über dem Zielgebiet abgeworfen, die durch die die aufgerissen Dachstühle auf die (meist hölzernen) Dachböden der Häuser fielen und diese in kurzer Zeit in Brand setzten. Viele brennende Dachstühle in Häuserreihen wurden schnell zu Großbränden; hinunterfallende brennende Dachstuhlbalken setzten auch Stockwerke darunter und Treppenhäuser mit Holztreppen in Brand. Ob sich so ein Feuersturm entwickelt, hängt insbesondere von der Gesamtwetterlage und der Windrichtung ab. Bei der ersten Angriffsserie gelang es den Angreifern nicht, einen Feuersturm zu verursachen, um die Wirkung der Bomben zu multiplizieren. Sie warfen bei dieser ersten Serie rund 5200 Sprengbomben und fast 70.000 Brandbomben über Stuttgart ab.[4] Dies gelang erst beim Großangriff am 12. September 1944. In dieser Nacht zwischen 22:59 und 23:30 Uhr warf die britische No. 5 Bomber Group 75 Luftminen, 4300 Sprengbomben und 180.000 Elektron-Thermitstäbe über einem schmalen Areal im Gebiet der Gegend um die Hegel-, Hölderlin- und Schwabstraße sehr zielgenau ab. Das so verursachte Großfeuer breitete sich in hoher Geschwindigkeit aus und wurde zu einem Feuersturm. Dieser vernichtete ein fünf Quadratkilometer großes Stadtgebiet im Stuttgarter Talkessel.

(Quelle: Wikipedia)

Veröffentlicht am 12.12.2025