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Im April 1945 kam die Französische Armee über sie in den Stadtbezirk: Die Wiener Straße mit der markanten 'Bismarckschulen-Ecke' (links) in einer Ansicht aus (wahrscheinlich) den 50er Jahren. Foto: Archiv Rieker
Utz Gernot Baitinger führt und entführt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.
Im 10. Teil der Reihe erzählt der Feuerbacher Prof. Dr.-Ing. Utz Baitinger von seinen Erinnerungen an eines der markantesten Ereignisse in Feuerbach und Stuttgart überhaupt - der "Stunde Null" (Kriegsende) am 21./22. April 1945, von Tragödien wie dem Verlust des Vaters kurz vor Kriegsende, den Turbulenzen im Zuge der Ankunft der Französischen Besatzer und dem sehr tüchtigen Schutzengel, der seine Mutter sprichwörtlich in letzter Minute davor bewahrte, als unschuldige "Geisel" für die Taten anderer auf offener Straße hingerichtet zu werden...
Noch im Februar 1945 ist unser Vater an der Ostfront, die damals schon entlang der Oder verlief, in einen russischen Tieffliegerangriff geraten und gefallen. Mitte April kamen französische und amerikanische Truppen aus allen Himmelsrichtungen immer näher auf Stuttgart zu. Wir hörten schon das Grollen der Geschütze, Feuerbach wurde von Artillerie beschossen. Wir sahen vom Lemberg aus zu, wie die Granaten in die Fabrikgebäude vom Bosch einschlugen.
Es wurde allmählich ungemütlich. Deshalb wurde unsere Restfamilie, wir zwei Buben mit unserer Mutter, im Tiefbunker am Bahnhof Feuerbach einquartiert. Als wir mit anderen Kindern vor dem Eingang des Bunkers spielten, kamen noch ein paar deutsche Soldaten vorbei, Siebzehnjährige, einer trug eine Panzerfaust.
Wenige Tage später, es war der 22. April 1945, sprachen alle im Bunker davon, der Einmarsch französischer Truppen stehe kurz bevor. An jenem Tag hätten wir beinahe auch unsere Mutter verloren. Es war angeordnet worden, den Bunker zu räumen. Wir zwei Buben, sechs und drei Jahre alt, zogen uns hastig an. Erst dann bemerkten wir in dem allgemeinen Durcheinander, dass unsere Mutter nicht da war. Wir hörten, sie habe sich auf den Weg gemacht zum Haus der Großeltern, um einen Handwagen für unsere Habseligkeiten zu besorgen.
Aber es war Sonntag und Großvater bestand darauf, zuerst und wie immer ein „Sonndichhemd“ anzuziehen. „Lass’ das doch mit dem Sonntagshemd, bald sind die Franzosen da.“ Als er endlich sonntäglich gekleidet dastand, war es zu spät. Ein französischer Offizier stürmte in den Hof und befahl unserer Mutter, Tante Mina, Tante Maria, Großmutter und Großvater, sich am großen Tor der Werkstatt in einer Reihe aufzustellen. Sie sollten als Geiseln erschossen werden, da deutsche Scharfschützen zwei französische Soldaten erschossen hätten. In ihrer Angst bot unsere Mutter ihr ganzes Schulfranzösisch auf, um zu beteuern, dass sie zwei kleine Kinder zu versorgen habe. In letzter Minute erschien ein zweiter Offizier, der meldete, es sei ein Unfall gewesen; die beiden Soldaten hätten leichtfertig mit einer scharfen Handgranate hantiert.
Wir Buben warteten voller Angst auf unsere Mutter. Sie kam mit dem Handwagen und wir zogen mit Sack und Pack zurück in unsere Wohnung bei der Bismarckschule. Durch das Wohnzimmerfenster sahen wir, wie eine nicht enden wollende Kolonne von Panzern, Lastwagen und Mannschaftstransportern die Wiener Straße herunter rasselte. Die Panzersperre in unserer kleinen Nebenstraße interessierte sie nicht.
Für uns war der Krieg zu Ende. Als ich an einem der nächsten Tage mit einem Freund neugierig durch Feuerbach streifte, hatte ich, obwohl noch ein Kind, das merkwürdige Gefühl, dass wir eine Zeitenwende miterlebten. Denn die gewohnten deutschen Uniformen waren aus dem Straßenbild verschwunden, stattdessen sah man jetzt französische, überall. Die sie trugen waren aber keine Franzosen, sondern Algerier, Tunesier, Marokkaner. Auf dem Schulhof der Bismarckschule, direkt unter unserem Wohnzimmerfenster, breiteten sie immer wieder ihre kleinen Gebetsteppiche aus. Auf dem Karlsplatz, wie die alten Feuerbächer den Platz vor ihrem Rathaus nannten, wurde jeden Morgen mit schmetterndem „Clairon“ (Signalhorn) und Trommelwirbel die Trikolore gehisst und abends ebenso feierlich wieder eingeholt. Währenddessen mussten alle Passanten stehenbleiben und alle Autofahrer anhalten und aussteigen, um die Fahne zu grüßen.
Unser Vater war zweiundvierzig Jahre alt, als er sein Leben mit dem letzten Aufgebot verlor. Sein Name ist zusammen mit vielen anderen auf einer Gedenktafel im Feuerbacher Friedhof zu lesen. Der Tiefbunker am Bahnhof Feuerbach wird so viele Jahrzehnte nach dem Krieg noch immer bereitgehalten.
Von Utz Baitinger

Flugblatt mit Bekanntmachungen der Französischen Besatzung an die Einwohner Stuttgarts mit teilw. drastischen Strafandrohungen.
Hier geht's zur Reihe "Zeitreise ins Damals" mit weiteren Erinnerungen & Anekdoten aus dem alten Flecken von Utz Gernot Baitinger