'ZEITREISE INS DAMALS' – EIN ALTER FEUERBÄCHER ERINNERT SICH; TEIL 9:

Als Feuerbach kurz vor Kriegsende evakuiert wurde

Der Feuerbacher Bahnhof im Jahr 1909. Etwa dreieinhalb Jahrzehnte später sollte der gesamte Stadtteil von hier aus evakuiert werden. Foto: Archiv Rieker Bild 1 von 1: Der Feuerbacher Bahnhof im Jahr 1909. Etwa dreieinhalb Jahrzehnte später sollte der gesamte Stadtteil von hier aus evakuiert werden. Foto: Archiv Rieker

Utz Gernot Baitinger führt und ent-führt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.

Auch in der heutigen Weltlage fühlen sich viele an damals erinnert. Historisch gesehen ist es noch gar nicht so lange her, dass Deutschland (sowie der Rest Europas) die bitteren Folgen dessen hautnah zu spüren bekam, was passieren kann, wenn man einer Handvoll Wahnsinnigen die volle Macht gibt. Sehr intim und am eigenen Leib hat auch der Feuerbacher Prof. Dr.-Ing. Utz Baitinger als Kind miterlebt, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein.

Im 9. Teil der Reihe erzählt er von der anbrechenden Endzeit des Krieges, in der beschlossen wurde, alle Frauen und Kinder aus Feuerbach zu evakuieren, sowie einer sich daraus ergebenden Odyssee inklusive Begegnung mit unfreundlichen Bauern und noch unfreundlicheren Hammeln, bevor er und seine Familie schliesslich wieder in ihre Heimat "zurückflüchten" konnten.


Evakuierung


Als der Bombenkrieg immer heftiger wurde, mussten wir zwei kleine Buben abends voll angezogen ins Bett gehen, mit Mütze, Mantel und Schuhen, damit wir uns bei Fliegeralarm, wenn nachts die Sirenen heulten, möglichst schnell auf den Weg zu einem der Bunker machen konnten. So wurde das Leben in der Stadt immer gefährlicher und beschwerlicher. Schließlich schickte man die Mütter mit ihren Kindern aufs Land, wo die Luftangriffe seltener waren. Wir hatten uns am Bahnhof einzufinden. Feuerbach wurde evakuiert.
Uns brachte man nach Simmozheim, ein Dorf der Waldenser, in Richtung Schwarzwald gelegen. Die Bauernfamilie, die uns aufnehmen musste, war verärgert, dass die Behörden fremde Leute bei ihnen einquartierten, und auch noch „nichtsnutzige Städter“! Das Bauernhaus lag in einem umzäunten Obstgarten, und um uns einzuschüchtern, ließen sie ihren Hammel, ein kräftiges, angriffslustiges Vieh, frei darin herumlaufen. Traten wir aus dem Haus, senkte er den Kopf und raste auf uns los. Wehe, wenn man sich nicht sputete, um das rettende Gartentor zu erreichen. Wir Kinder hatten furchtbare Angst vor ihm. Einmal warf er sogar unsere Großmutter um, als sie bei uns zu Besuch war.

Endlich fand der gefährliche Hammel seinen Bezwinger in Onkel Paul, dem Gebirgsjäger, der uns überraschend besuchte. Er hatte seine Gebirgsstiefel dabei, klobige Klötze, die Sohlen für das Marschieren auf dem Eis mit groben, stählernen Zacken bestückt. Er provozierte den Hammel sogar, und als der angerannt kam, streckte Paul zur Freude der Kinder ihm sein bestiefeltes, zackenbewehrtes Bein entgegen und „rumms!“ holte sich der böse Hammel eine blutige Nase. Fortan benahm sich das Tier etwas zurückhaltender.

Als wir auch in Simmozheim das Grollen der französischen Geschütze vom Schwarzwald herüber hörten, entschloss sich unsere Mutter eines frühen Morgens, mit uns zwei Buben heimlich unter das Verdeck eines Lastwagens zu klettern, von dem wir gehört hatten, dass er nach Stuttgart fahre. Am Stuttgarter Hauptbahnhof entdeckte uns der Fahrer und beschimpfte uns lautstark. Wir nahmen’s in Kauf und fuhren mit der Straßenbahn nach Feuerbach, nach Hause.

Von Utz Baitinger


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Veröffentlicht am 22.01.2026