'ZEITREISE INS DAMALS' – EIN ALTER FEUERBÄCHER ERINNERT SICH; TEIL 12:

Mokhdas Ziege – oder: Wie ein Marokkanischer Offizier zum Helden der Feuerbacher Kinder wurde

Marokkanische Truppen der Französischen Besatzungsmacht in der Nähe von Stuttgart 1945. Bild 1 von 1: Marokkanische Truppen der Französischen Besatzungsmacht in der Nähe von Stuttgart 1945.

Utz Gernot Baitinger führt und entführt unsere Leser in der Reihe „Zeitreise ins Damals“ mit Anekdoten, kleinen Geschichten und persönlichen Erinnerungen regelmäßig in längst vergangene Zeiten und Orte des Fleckens.

Ab April 1945 war Feuerbach von den Franzosen besetzt und es herrschte endlich Frieden, auch wenn es bis zum endgültigen Kriegsende in Europa noch bis zum 8. Mai dauern sollte. "Alles überstanden", könnte man versucht sein zu denken, doch nun suchten neue Geißeln die verbliebenen traumatisierten und geschwächten Überlebenden heim - allen voran der Hunger. Doch nicht nur die Feuerbacher, sondern auch die Besatzer hatten mit diesem Problem zu kämpfen.
So geriet die kleine Ziege einer Kompanie von Arabischen Soldaten, die eigentlich nur als Maskottchen gedient hat und mit ihrem "Herrchen", einem Marokkanischen Offizier, rasch von den Feuerbacher Kindern ins Herz geschlossen wurde, unter den Nordafrikanischen Soldaten schnell in eine akut lebensbedrohliche Lage. Eines dieser Kinder war unser Autor.

Im 10. Teil der Reihe erzählt der Feuerbacher Prof. Dr.-Ing. Utz Baitinger von seinen Erinnerungen an die Zeit direkt nach der "Stunde Null" in Feuerbach 1945.



Mokhdas Ziege


Mokhda war ein marokkanischer Offizier in französischen Diensten. Er war gegen Ende des Krieges, im April 1945, mit den französischen Truppen nach Feuerbach gekommen. Wenn er in seiner hellen Uniform daherkam, war er immer impeccable - freundlich, nett, und tadellos - und neben ihm trippelte stets eine kleine schneeweiße Ziege, das Maskottchen seiner Kompanie. Wir Kinder liebten ihn wegen seiner Ziege und auch bei den jungen Müttern war Mokhda ein wohl gelittener Gast. Wenn er zu Besuch kam, band er der Ziege einen einfachen Strick um und wir Kinder durften sie zum Grasen führen. Selbst wenn wir lange wegblieben mit der Ziege machte uns niemand Vorwürfe, weder Mokhda noch die Mutter.

Eines Tages herrschte große Aufregung: „Mokhdas Ziege ist weg!“ Wir Kinder riefen es uns zu, wir liefen durch die Straßen, alle suchten die kleine schneeweiße Ziege. Und wenn Kinder in kleinen Horden unterwegs sind, dann finden sie alles. „Da ist sie!“ Man hörte es rufen von hinter der Bismarckschule, wo die Soldaten einquartiert waren - Algerier, Tunesier, Marokkaner - und alle rannten hin.
Da saß eine Gruppe nordafrikanischer Soldaten, sie hatten ein Feuer entzündet, und mit Entsetzen sahen wir Kinder, dass die Ziege schon gefesselt am Boden lag. Die Soldaten wollten sie schlachten, braten und verspeisen. Außer Atem kam der gute Mokhda angerannt und da bekamen die verhinderten Fleischesser aber was zu hören, in wütendem Arabisch! Sie sprangen auf, standen stramm, denn Mokhda war ein Offizier. Einer band die Ziege los, auch sie sprang auf, und im Triumphzug führten wir Kinder sie nach Hause - Mokhda, der Held, vorneweg.


Von Utz Baitinger


Hier geht's zur Reihe "Zeitreise ins Damals" mit weiteren Erinnerungen & Anekdoten aus dem alten Flecken von Utz Gernot Baitinger

Veröffentlicht am 24.05.2026