GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE – TEIL 19: "Industrialisierung Feuerbachs – die Jobst'sche Fabrik"

Jede Menge neue Jobs bei Jobst - und keinen Feuerbacher interessiert's...

Die Jobtsche Chininfabrik in Feuerbach im Jahr 1871. Sie stand im Bereich der heutigen Stuttgarter Straße 9 bis zur Tunnelstraße 6 in jenem Areal, wo heute u.a. der Aldi-Markt steht. Im Hintergrund am rechten Rand ist der damals noch relativ neue erste Feuerbacher Bahnhof zu erkennen. Bild 1 von 1: Die Jobtsche Chininfabrik in Feuerbach im Jahr 1871. Sie stand im Bereich der heutigen Stuttgarter Straße 9 bis zur Tunnelstraße 6 in jenem Areal, wo heute u.a. der Aldi-Markt steht. Im Hintergrund am rechten Rand ist der damals noch relativ neue erste Feuerbacher Bahnhof zu erkennen.

Stellen Sie sich vor, Open AI oder Apple eröffnen heute eine Fabrik in Feuerbach und wollen die Feuerbacher als Arbeiter - aber keiner geht hin... Tim Cook und Sam Altman müssten widerwillig Arbeiter von anderswo suchen. So in etwa muss es sich 1864 beim ersten echten Startschuss der Industrialisierung in Feuerbach zugetragen haben.

Feuerbach war schon seit 20 Jahren an das damals hochmoderne Eisenbahnnetz angeschlossen worden und so konnte die Industrialisierung in Feuerbach - und somit in Stuttgart und ganz Deutschland - loslegen. Der Stuttgarter Chininproduzent Jobst baute in diesem Jahr seine Fabrik im damals noch eher beschaulich-ländlichen Flecken und rechnete fest damit, dass die Feuerbacher nun in Massen zu ihm strömen und ihm helfen, sein Chinin (ein aus der "Chinarinde" hergestelltes Arzneimittel - das damals einzig wirksame gegen Fieber) herzustellen. Allein, er hat die Rechnung ohne den typisch schwäbischen Dickkopf und die damals nur begrenzt für die moderne Zeit offene Mentalität der alten Feuerbächer gemacht.

In Teil 19 aus unserer Reihe "Geschichten aus der Geschichte Feuerbachs" wirft der Feuerbacher Historiker und Buchautor Jürgen Kaiser im Rahmen des 950-jährigen Jubiläumsjahres wieder ein Licht auf die Historie Feuerbachs - diesmal auf die Zeit der Industrialisierung, die den Standort Feuerbach bald zu einem der ersten frühen "Silicon Valleys" im Kaiserreich machen sollte.


Neue Jobs in der Fabrik - und kein Feuerbacher geht hin


Damit hatte Julius von Jobst, Enkel des Firmengründers, 1864 nicht gerechnet, als er die erste Fabrik Feuerbachs am 15. April 1864 eröffnete. Sein Werksleiter Oswald Hesse auch nicht. Bis zu 20 neue Arbeitsplätze wollten sie schaffen. Doch kein Feuerbacher meldete sich. So stellten sie als erste Arbeiter Weilimdorfer ein, die jeden Tag zu Fuß zur Arbeit erschienen. Erst ein Jahr später traute sich der erste Feuerbacher nach Arbeit zu fragen und wurde als Heizer an der nagelneuen Dampfmaschine eingestellt. Die Fabrik lag an der damaligen Tunnelstrasse, heute das Gelände von Drogerie Rossmann. Die Nähe zum Bahnhof unterstützte die Entscheidung in großem Stil die Rinde des Chinabaumes zu zerfasern und daraus Chinin herzustellen. Damals war Chinin das einzige Medikament gegen Tropenfieber und Malaria. Schon nach wenigen Jahren produzierte Jobst 1906 17 Prozent der Weltproduktion und war Weltmarktführer. Wer wissen will, wie Chinin schmeckt, sollte mal die Limonade Indian Tonic von Schweppes probieren. Dann hat man eine leichte Ahnung wie das einzige Malariamittel geschmeckt hat. Aber nur eine leichte.

Von Jürgen Kaiser
(Fortsetzung folgt)


Weiterführende Infos zu diesem Thema:


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Veröffentlicht am 31.07.2026