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Die AOK spendet Sonnencreme. Foto: LHS, Weichelt
Stuttgart reagiert auf die Hitzewelle mit einem Ausbau des Hitzeschutzes. Geplant sind mehr Gesundheitsaufklärung, stärkere Nachbarschaftshilfe, klimaangepasste Stadtplanung sowie die Weiterentwicklung von Einsatz- und Schutzkonzepten für besonders gefährdete Menschen.
Die außergewöhnliche Hitzewelle im Juni 2026 zeigt, wie notwendig es ist, dass die Landeshauptstadt Stuttgart den Hitzeschutz weiter ausbaut. Neben der Vorbereitung von Einsatzkräften und Gesundheitseinrichtungen auf längere Hitzeperioden setzt die Stadt verstärkt auf Gesundheitsaufklärung, gegenseitige Unterstützung in der Nachbarschaft und eine klimaangepasste Gestaltung öffentlicher Räume. Der Sachstand wurde am Montag, 27. Juli, im Sozial- und Gesundheitsausschuss berichtet. In der zweiten Jahreshälfte will die Verwaltung weitere langfristige Maßnahmen präsentieren.
Die Bürgermeisterin für Soziales, Gesundheit und Integration, Dr. Alexandra Sußmann, sagte: „Die vergangenen Wochen haben uns eindrücklich vor Augen geführt: Hitze ist längst nicht mehr nur ein Umwelt- oder Klimathema. Hitze ist ein Gesundheitsthema – und zunehmend auch eine soziale Frage. Sie betrifft uns alle, aber nicht alle gleichermaßen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder diejenigen, die ihre Wohnung nicht ausreichend kühlen können.“ Hitzeschutz sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Stadtverwaltung, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Schulen, Kitas, Arbeitgeber, Vereine, Nachbarschaften und jede und jeder Einzelne können dazu beitragen. Entscheidend sei es, über Referats- und Ämtergrenzen hinweg abgestimmt zu handeln. „Hitzeschutz gehört dauerhaft auf die kommunalpolitische Agenda. Wenn wir Stuttgart resilient machen wollen, müssen wir konsequent in Vorsorge und Anpassung investieren. Das ist eine Investition in die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen in unserer Stadt.“
Die Hitzewelle im Juni gehörte zu den intensivsten der vergangenen Jahrzehnte. Sie war außergewöhnlich früh und hinsichtlich Dauer und Intensität mit der Hitzewelle des Jahres 2003 vergleichbar. Gleichzeitig zeigen die Klimaindikatoren, dass Stuttgart bereits heute klimatische Bedingungen erlebt, die bislang erst für eine Zwei-Grad-Welt prognostiziert wurden. Heiße Tage, Tropennächte und längere Hitzeperioden nehmen deutlich zu. Zehn Tage mit mehr als 35 Grad hat Stuttgart bis Mitte Juli gezählt. Nur im Jahr 2003 waren es mehr (15 Tage), im Vorjahr und 2015 waren es jeweils neun Tage. Nächte sind besonders belastend, wenn die Temperatur über 20 Grad liegt. Von diesen sogenannten Tropennächten gab es dieses Jahr bereits 17, so viele wie im gesamten Jahr 2003. Nur im Jahr 2015 gab es mit 22 Tropennächten noch mehr.
Der Bürgermeister für Städtebau und Umwelt, Peter Pätzold betont: „Stuttgart hat sich früh auf den Weg gemacht, die Anpassung an den Klimawandel strategisch anzugehen. Mit dem Klimaanpassungskonzept im Jahr 2013 und seiner Fortschreibung 2024 haben wir dafür eine belastbare Grundlage geschaffen. Die aktuellen Hitzewellen zeigen jedoch, dass der Klimawandel längst in unserem Alltag angekommen ist. Seine Folgen sind in der Stadt unmittelbar spürbar – für die Gesundheit der Menschen, für die Infrastruktur und für unsere Einsatzkräfte. Deshalb müssen wir die Maßnahmen zur Klimaanpassung jetzt konsequent und mit Nachdruck umsetzen.“
Die Folgen der Hitze sind in vielen Bereichen spürbar. Der Rettungsdienst musste Ende Juni deutlich mehr Einsätze bewältigen und so rief die Branddirektion als untere Katastrophenschutzbehörde zeitweise eine Außergewöhnliche Einsatzlage aus. Auch die Notaufnahmen der Kliniken mussten erheblich mehr Patientinnen und Patienten als üblich behandeln – viele aufgrund von hitzebedingten Erkrankungen. Pflegeeinrichtungen passten kurzfristig ihre Abläufe an, richteten zusätzliche Trinkstationen ein und entwickelten neue Schutzmaßnahmen für Bewohnerinnen und Bewohner sowie Beschäftigte.
Der Leiter des Gesundheitsamts, Prof. Stefan Ehehalt, sagte: „Wir werden unsere Gesundheitskommunikation weiter ausbauen. Bürgerinnen und Bürger sollen noch gezielter über richtiges Verhalten bei Hitze informiert werden – etwa über die Warnzeichen von Hitzeerkrankungen sowie vorbeugende Maßnahmen.“ Ein weiterer Schwerpunkt ist daher die Hitzesolidarität: Die Stadt ruft dazu auf, insbesondere ältere Menschen, chronisch Kranke und alleinlebende Nachbarinnen und Nachbarn während Hitzewellen im Blick zu behalten, aber auch Umsicht mit dem eigenen Wohlergehen zu hegen. Die Stadt Stuttgart hat eine Kampagne entwickelt, mit deren Hilfe Geschäfte und Einrichtungen eigene kühle Räume während einer Hitzephase für die Öffentlichkeit zum Abkühlen mittels Plakaten ausweisen können. Die Kampagne steht unter dem Motto: „Dies ist ein kühler Ort – komm gerne kurz rein!“
Neben dem Gesundheitsschutz entwickelt Stuttgart auch die Stadtplanung weiter. So wurde vor vielen Jahren der Rahmenplan Halbhöhenlage erarbeitet und beschlossen, der die Frischluftschneisen des Talkessels erhalten soll. Mit dem Rahmenplan Talgrund West gibt es eine Planungsgrundlage für die Entwicklung im Stuttgarter Westen, die den Klimawandel und den Schutz der Grünflächen in den Vordergrund stellt. Gleiche Planungsgrundlagen sind für die Mitte und den Süden in Bearbeitung. „Viele Maßnahmen aus diesen Planungsgrundlagen und dem Klimaanpassungskonzept wurden angegangen, aber die aktuelle Situation zeigt, dass es hier noch mehr Anstrengungen braucht. Mehr Grün, mehr Bäume im öffentlichen Raum, mehr Gründächer und mehr Fassadengrün sind dringend notwendig“, so Pätzold.
Das Tiefbauamt hat einen Leitfaden für klimagerechtes Planen und Bauen erarbeitet, der künftig bei Straßen- und Platzumbauten Orientierung geben soll. Vorgesehen sind unter anderem versickerungsfähige Beläge, Baumquartiere und Grünbeete, die Regenwasser aufnehmen und zur Verdunstung beitragen. Zudem sollen versiegelte Flächen möglichst reduziert und Regenwasser stärker vor Ort gespeichert werden. Ziel ist es, aufgeheizte Stadträume abzukühlen, Hitzebrennpunkte zu entschärfen und gleichzeitig die Stadt besser auf Starkregen vorzubereiten. Der Leitfaden bündelt dafür technische Standards, rechtliche Grundlagen und Praxisbeispiele für die städtische Planung.
Mit den Erfahrungen aus der Hitzewelle werden nun auch die vorhandenen Hitzeschutz- und Einsatzkonzepte der Rettungsdienste, Kliniken und Pflegeeinrichtungen weiterentwickelt. Die Stadt versteht Hitzeschutz künftig als gemeinsame Aufgabe von Verwaltung, Gesundheitswesen und Stadtgesellschaft. Ziel ist es, die Bevölkerung zu unterstützen, sich auf Hitzeereignisse vorzubereiten und sich zu schützen sowie sie vor gesundheitlichen Folgen immer häufiger auftretender Extremhitze zu bewahren.
Ein Beispiel für diese Hitzesolidarität ist die Aktion der AOK Stuttgart-Böblingen, die in den Sommermonaten mit mobilen Sonnencremespendern in Stuttgart unterwegs ist. Mitarbeitende sprechen Menschen in der Innenstadt oder bei Veranstaltungen an und verteilen kostenlos Sonnencreme. Bürgermeisterin Dr. Sußmann begrüßt dieses Engagement: „Die kostenlose Ausgabe von Creme bringt den Sonnenschutz ins Bewusstsein und Menschen ins Gespräch. Hohe Temperaturen und intensive UV-Strahlung belasten den Körper gleichermaßen. Deshalb gilt: Sonnenschutz ist Hitzeschutz. Wenn Partner wie die AOK mit solchen Aktionen Verantwortung übernehmen, ist das ein starkes Beispiel dafür, wie wir die Menschen gemeinsam besser vor den gesundheitlichen Folgen von Extremhitze schützen können.“