Stadtkirche St. Mauritius

Walterstraße 11

Bild 1 von 11: Stadtkirche St. Mauritius 2011 (Bild 1: Arendt)Bild 2 von 11: Kirche St. Mauritius um 1900 (Bild 2: Archiv Rieker)Bild 3 von 11: Codex Hirsaugiensis1075 (Bild 3)Bild 4 von 11: Gotisches Kirchenfenster von 1350 (Bild 4: Arendt)Bild 5 von 11: Taufstein von 1463 (Bild 5: Arendt)Bild 6 von 11: Feuerbach (Bild 6: Kiesersche Forstkarte 1680)Bild 7 von 11: Treppe zur Stadtkirche vor 1933 (Bild 7: Archiv Rieker)Bild 8 von 11: Altarraum 2012 (Bild 8: Arendt)Bild 9 von 11: Orgel 2012 (Bild 9: Arendt)Bild 10 von 11: Innenansicht der Feuerbacher Stadtkirche 2012 (Foto: Tauss) „Zünd an das Licht den Sinnen - Farbe und Verwandlung“Bild 11 von 11: Dictatus Papae, ein Document, in welchem anno 1075 der Papst Gregor VII. die Oberhoheit des Papstes über das weltliche Königtum einforderte (Bild: Wikipedia)

Der heutige Straßenname erinnert an den ersten 1272 urkundlich nachweisbaren Feuerbacher Pfarrer namens „Walterus, plebanus (Leutpriester) in Vurbach“, der als Kirchherr in Feuerbach tätig gewesen ist.

Es war die Zeit des Reform-Papstes Gregor VII.(um 1020-1085), von Petrus Damiani „Zuchtrute Gottes“ genannt, und des Salier-Königs Heinrich IV.(1050-1106), welche sich beide im 11. Jahrhundert einen hartnäckigen Streit lieferten, der zwar vordergründig „Investiturstreit“ genannt wurde, der aber doch um die höchste Instanz dieser westlichen Welt geführt wurde. Im Jahre 1075, als dieser Streit durch das päpstliche Dekret „Dictatus Papae“ (Bild 11) eskalierte  (er führte 1077 durch Heinrichs „Gang nach Canossa“ zur vorläufigen Unterwerfung des Königs unter den Papst), entstand ein von König Heinrich IV. (Kaiser des Heiligen Römischen Reiches von 1084 bis 1105) bestätigtes Dokument, genannt Codex Hirsaugiensis (Bild 3), welches zum ersten Mal unter dem Namen Biberbach die Gemeinde Feuerbach erwähnt. Dieser Codex beschreibt, dass Graf Adalbert II. von Calw (†1099), der um 1050 seinen Sitz von Sindelfingen nach Calw verlegt hatte, an das Kloster Hirsau  „die Hälfte seiner Feuer­bacher Eigenkirche (Kirchgebäude und Inventar, Pfarrhof, Grundbesitz mit Hintersassen, Allmendanteile, Zehntrechte, Gebühren und Einkünfte) übergab plus 1 Hufe (auch Hube, was etwa 30 bis 40 Morgen entsprach), dazu Beteiligung am Kirchensatz (Mitwirkungsrecht bei der Besetzung der Pfarrstelle)“. Mit dieser Schenkung erreichte Graf Adalbert die wirtschaftliche Stärkung des Klosters Hirsau, was jedoch sicher auch unter dem Reformdruck des Klosters Cluny geschah, die Rechte der Kirchenstifter an den Eigenkirchen zu reduzieren. Dieser Vorgang zeigt aber auch, dass (Kirchen-)Besitz (einschließlich Mensch und Vieh) in jener Zeit „Handelsware“ der Eigenkirchen- und auch der Grundherren gewesen ist, was im Laufe der weiteren Jahrhunderte als normaler Rechtsvorgang akzeptiert wurde.
Aus dem in diesem Codex beschriebenen Vorgang kann abgeleitet werden, dass mit der Existenz der Kirche auch schon ein Ort vorhanden gewesen ist, dass also Feuerbach sehr viel älter ist als mit der Jahreszahl 1075 zum Ausdruck kommt.
Allein schon dieses Dokument beweist, wie eng die mittelalterliche Kirchengeschichte mit der geschichtlichen Entwicklung dieses Ortes selbst verbunden gewesen ist, denn der kirchliche Einfluss auf die Bevölkerung, gemessen an der heutigen Zeit, war unvergleichlich viel stärker. Die Kirche setzte Normen, welche zwar die soziale Ordnung im Dorf stabilisierte, welche aber auch zusammen mit den Grundherren den Anspruch strafrechtlicher Verfolgung einschloss.
Lange Zeit war der Kirchenheilige in Vergessenheit geraten, aber dank der Forschungen des Stadtpfarrers Richard Kallee (1854-1933), der im Feuerbacher Weistum (Aufzeichnung des Gewohnheitsrechts) von 1494 den Namen „Sant mauritzen“ entdeckt hatte, ziert nun wieder der um das Jahr 300 den Märtyrertod gestorbene Hl. Mauritius den Namen der Stadtkirche. Auch ein 1923 im Kirchenturm gefundenes Aktenbündel (Faszikel) enthielt u.a. den Namen des Heiligen Mauritius.
Bei der Beschäftigung mit dem Mauritiuspatrozinium hatte der Tübinger Historiker Hansmartin Decker-Hauff (1917-1992) herausgefunden, dass im südwestdeutschen Raum häufig vier Kirchenheilige mit dem Anfangsbuchstaben M als Indiz für die Verehrung vor dem Jahr 1000 „wie Perlen an einer Schnur“ nachweisbar sind. Neben Mauritius sind es stets Maria,  Michael und Martin. Man nennt diese das Vierer-Patrozinium, welches auch im Raum Stuttgart mit der Feuerbacher Mauritiuskirche, der Martinskirche Altburg, der Michaelskirche Wangen und der Marienkirche in Berg vorhanden ist. Nachdem mit der fränkischen Missionierung um das Jahr 700 Mauritius als Schutzpatron für die Feuerbacher Kirche gewählt worden war, kann daraus abgeleitet werden, dass bereits im 8.Jahrhundert ein erstes, wohl noch aus Holz gefertigtes Kirchengebäude entstanden ist, gestiftet von einem Eigenkirchenherrn. Die heutige Stadtkirche (Bild 1, 8 und 9) gehört damit  zu den vier ältesten Kirchen unserer Region.
Die Christianisierung Feuerbachs hat zwar um das Jahr 700 begonnen, aber noch im Laufe des 8. Jahrhunderts hat es heidnische Begräbnisse gegeben, wie ein Fund aus einem Alamannengrab nachweist.
Erst 1272 wird der erste Pfarrer der Gemeinde erwähnt, er hieß Walter, einen Familiennamen gab es zu jener Zeit nur bei Adligen. Walter unterschrieb als Zeuge eines Vertrages zwischen den Klöstern Hirsau und Bebenhausen als „rector ecclesie“, also als Herr der Kirche. Er galt als eine respektable Persönlichkeit, der man mit Recht im Straßennamen ein Denkmal gesetzt hat.
Im Jahre 1281 übergab Kloster Hirsau, wohl aus einer wirtschaftlichen Notlage heraus, den Feuerbacher Kirchenzehnt und das Patronatsrecht einschließlich Widumhof (auch Heiligenhof genannt, ein der Kirche geweihter Gutshof) an das Kloster Bebenhausen, und von 1396 bis 1477 gingen diese Rechte an das Chorherrenstift Sindelfingen. Bischof Otto von Konstanz inkorporierte erst 1421 (also drei Jahre nach Beendigung des Konstanzer Reformkonzils von 1414-1418) dem Chorherrenstift die Feuerbacher Kirche.
Seit Mitte des 14.Jahrhunderts bis zum Jahre 1481 hatte auch die Familie der Frauenberger erhebliche Besitztümer in Feuerbach.
Graf (1495 Herzog) Eberhard V. „im Bart“ (1445-1496) übertrug im Jahre 1477 die Sindelfinger Anrechte auf das Tübinger Georgenstift und von dort erst 1482 zu deren wirtschaftlicher Ausstattung auf die Universität Tübingen, welche bis in das Jahr 1919 das Patronatsrecht behielt. Die 1534 durch Herzog Ulrich eingeführte Reformation in Württemberg, an deren Urdatum, dem 16.Mai 1534, Konrad Öttinger die erste protestantische Predigt in der Stuttgarter Stiftskirche hielt, hatte daran nichts geändert.

Der steinerne Turm der Stadtkirche hat bereits im 14.Jahrhundert existiert, erkennbar an dem noch erhaltenen gotischen Maßwerkfenster aus dem Jahre 1350 (Bild 4). (Wikipedia: „Die Gotik gestaltete die Fenster bei Kirchenbauten mit zusätzlichem filigranem Mauerwerk, dem Maßwerk, das in die Fensteröffnung eingebaut war und auch Aufgaben eines steinernen bzw. schmiedeeisernen Fensterrahmens übernahm. Maßwerkfenster waren in der ursprünglichen Ausführung als bunte Bleiglasfenster konzipiert und wesentlicher Bestandteil der gotischen Raumkonzeption in Sakralbauten.“)
Die Kirche besitzt noch einen Taufstein (Bild 5) mit der Datierung 28. Mai 1463; diesem Jahr wird ein Kirchenneubau zugeschrieben.
Im 30-jährigen Krieg wurde im Jahre 1619 die evangelische Feuerbacher Kirche zur Wehrkirche umgebaut. Die später wieder reduzierten Mauern umschlossen auch den bis 1680 bestehenden Kirchhof. Übrigens trug die Kirche früher ein Giebeldach, auch Krüppelwalmdach, wie aus dem ältesten Bild aus dem Forstlagerbuch von 1680 (Bild 6) erkennbar ist. Ältere Quellen berichten von Gebälk und Holzwerk, also war der obere Teil des Turmes vermutlich als Fachwerk ausgeführt. 
Aus einem Umbau von 1715 stammt die heutige Kanzel, und 1725 wurde die erste Orgel eingebaut.
Ihre heutige äußere Form erhielt die inzwischen zu kleine und baufällige Kirche im Jahre 1789, in dem Baumeister Groß auf den mittelalterlichen Mauern einen fast vollständigen Umbau durchführte. Der Turm blieb bis zur Firsthöhe erhalten und mit einer barocken Turmhaube ergänzt. Eine neue Orgel erhielt die Kirche im Jahre 1865. Eine Innenrenovierung mit Bemalung der Wände und Decken führte Kirchenarchitekt Heinrich Dolmetsch (1846-1908) im Jahre1884 durch.
Bei der Kirchenrenovierung im Jahre 1907 wurden beim Legen des Fußbodens Reste eines Grabsteins mit gotischen Minuskeln aus dem 15.Jahrhundert gefunden, welche als Unterlage einer der hölzernen Säulen der Vorkirche gedient hatten.
Der Architekt und Regierungsbaumeister Samuel Raithelhuber (1895-1981) führte 1933/34 einen grundlegenden Umbau durch. Altar und Kanzel, bisher an der Längsseite, wurden mit der Ost-West-Achse der Kirche in Einklang gebracht. Am heutigen Chor befand sich der Eingang, den man früher über eine kleine Treppe vom Gasthaus „Grüner Baum“ aus erreichen konnte (Bild 7), wurde geschlossen.
Die am 28.Januar 1945 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörte Stadtkirche wurde bis zum Jahre 1956 durch Samuel Raithelhuber wieder aufgebaut.
Die „Pfarr- bzw. Stadtkirche St. Mauritius samt Turm, Hof und Mauer wurde am 28.Dezember 1927 in das Landesverzeichnis der Baudenkmale Württemberg eingetragen“.

Die Kirche ist mit einer Informationstafel ausgestattet.

Quellen:  H. Baitinger, F. Burkhardt, K. Dollinger, K. Fuchs/H. Raab, R. Heinz, T. Hertneck, O. Hesse, R. Kallee, G. Kleemann, R. Müller, F. Quarthal, PLOETZ, H.-U. Schwarz, Wikipedia. Liste der Kulturdenkmale, Ute und Peter Freier


Mehr Informationen: www.evangelische-kirche-feuerbach.de